Antoine Bodar

Leven is louter dienen.

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Ansprache

25 October 2018 |  Bibliothek von Santa Maria dell'Anima Rome  |  Lezingen

Antoine Bodar

Ansprache am 25. Oktober 2018 in der Bibliothek von Santa Maria dell’ Anima Rom

wegen Erscheinung des Buches Santa Maria dell’Anima. Alte Schönheit in neuem Licht. Herausgegeben von Franz Xaver Brandmayr (Rom 2018).

I

Nach zwanzig Jahren ist nun Santa Maria dell’Anima — die Kirche und das Kolleg — völlig restauriert worden.

Bei dieser Denkwürdigkeit erscheint heute das von unserem Herrn Rektor initiierte und von ihm herausgegebene Photobuch Santa Maria dell’Anima,  damit bei Durchsicht der Bilder die Liebe zur Anima bei so manchem geweckt oder verstärkt werde und so in Erinnerung bleiben kann. Darüber hinaus begleiten einige Texte die vom Herrn Stephan Kölliker ausgezeichnet photographierten Darstellungen — Texte, die, wenn sie auch nicht gelesen werden, dann doch zur Kenntnis bringen sollen, wie Kirche und Haus einige Schreiber eingeladen haben, ihr Herz darüber sprechen zu lassen.

 

Der verstorbene Rektor Richard Matthes hat in seinen Jahren 1998 –2004 mit der Kirche-Fassade, der Decke im  Priesterchor, den Zimmern im Prälatengang und dem Holzboden im Speisesaal die Restauration der Anima begonnen. In seiner Amtszeit wurde auch das Grabmal von Papst Hadrian restauriert, bei deren Neu-Einweihung zum ersten Mal in der modernen Zeit die überlieferten Kompositionen von Christiaan van der Ameijden aufgeführt wurden. (Er war Mitglied der Bruderschaft und vier Mal Ihr Provisor; sein Grabmal befindet sich hinten in der Kirche.)

 

Rektor Johann Hörist hat nur von 2004 bis 2007 der Anima vorgestanden. Als er plötzlich starb, führte Kurat Gerhard Hörting als Interim-Rektor die vielen, im Hause angegangenen Restaurierungsarbeiten zur Vollendung.

In jener Periode wurde das Kolleg weiter umgestaltet: Nicht nur Möbel wurden wiederhergestellt und Zimmer aufs neue eingerichtet, aber auch — was damals ein Luxus war — die Gemeinschaftsduschen abgeschafft, weil beinahe jedes Zimmer ein eigenes Badezimmer bekam. Dazu gab er sich viel Mühe, die Deckengemälde im Bischofshaus (im Palazzo vescovile) sorgfältig wiederherzustellen.

In der Kirche ließ Johann Hörist das große, hölzerne Altarbild von Giulio Romano restaurieren, öffnete die bis dann eigentlich immer geschlossenen Türen der Kirche an der Via dell’Anima und gab einem Lichtarchitekten den Auftrag, nicht nur das Presbiterium,sondern auch das Kirchenschiff mit den Seitenkapellen, also das ganze Gotteshaus– bis dahin in Rom als einzige oberirdische Katakombe bekannt — hell ins Licht zu setzen.

II

Zu Beginn des zehnten Restaurierungsjahres wurde der heutige Rektor Franz Xaver Brandmayr ernannt. Er hat uns seitdem keine Ruhe mehr gelassen: Alle von ihm angegangenen Projekte — das eine auf das andere folgend — wurden in dem dafür bestimmten Zeitraum ausgeführt. Wann immer der Rektor wieder einen neuen Plan hatte, um etwas in der Kirche und im Haus zu restaurieren oder zu verschönern, ging es ihm gut und er hatte dann stetig gute Laune.

Ohne die Arbeiten von Matthes und Hörist herabzusetzen, müssen wir jetzt doch festhalten, dass Herr Hofrat Brandmayr der Anima-Architekt unseres Zeitabschnittes ist — nicht ein Restaurierungsarchitekt im Dienste eines Fürsten, sondern selbst Fürstarchitekt, dessen Wille  zum ehernen Gesetz wurde. Dazu kommt noch, das der heutige Rektor über die Restaurierungen hinaus auch Verbesserungen in Auftrag gab —  d.h. Fertigstellungen der möglicher Weise in der Vergangenheit nicht vollends ausgeführten Entwürfe. So verdanken wir dem Rektor die Loggia delle benedizioni, die unseren wunderschön gewordenen Innenhof — das Kirche und Kolleg zusammen haltende Herz — krönt.

Regieren ist immer auch voraussehen: Nicht, dass wir damit rechnen, hier Papst Benedikt noch einmal empfangen zu dürfen, aber wie viele Alt-Animalen könnten in der Zukunft noch zum Papst gewählt werden? Nicht umsonst steht der Innenraum der Loggia nun stetig leer, damit von dort aus der apostolische Segen  erteilt und unten in Dankbarkeit empfangen werden kann.

In seinem eigenen Beitrag zum heute erscheinenden Buch gibt der Rektor Einblick in seine Abenteuer, Ideen  und Werkzuschreibungen hinsichtlich Sakristei und der Kirche.

Das alles können Sie darum, liebe Zuhörer, besser selbst lesen.

Über das von ihm selbst in seinem Beitrag Beschriebene hinausgehend, hebe ich aus den Vielem noch einige wenige  Beispiele hervor, wodurch der Rektor die Gestalt des Hauses geprägt hat.

Oben im Priesterhaus sind aus den beiden damals provisorischen Kapellen ein würdiges Oratorium / eine Gedächtniskapelle für den Seligen Karl von Österreich ùnd eine völlig neu gestaltete Kapelle geworden — so einfach und so hell und so sehr von unserer Zeit, dass die eventuell aus den Niederlanden auf Besuch kommenden Kalvinisten sich in der Anima dort am meisten zu Hause füllen würden.  Gut, da hängt ein schmerzvoller Christus als Kruzifix an der Wand, aber so etwas würde für sie zu ertragen sein. Zugegeben, sie hätten da lieber ein Kreuz ohne corpus gesehen und nicht, umgekehrt wie jetzt,  ein corpus ohne Kreuz.

Das Brustbild eines hohen Prälaten, immer vornehm anwesend im Speisesaal, hat der Rektor schon vor Jahren einen demütigeren Platz im schwarzen Treppenhaus zugewiesen. Den vornehmen Platz neben dem Rektor — höher geht es nicht — hat jetzt der heilige Joseph mit dem Jesus-Kind auf dem linken Arm, das uns immer etwas naseweis anschaut, währenddessen sein irdischer Vater aus dem Stamm Davids in höchster Pflichterfüllung einfach dasteht. Sankt Joseph erfüllt die verkündigte Musterhaftigkeit eines behutsamen Vaters, wie der Rektor das für unsere Gemeinschaft sein will.

Nicht zufällig hat der Emeritus-Kurat Dr Peter Unkelbach seinen Aufsatz im Buch über den heiligen Joseph geschrieben — nicht nur biblisch fundiert, sondern auch durchwegs fromm.

Sankt Joseph ist der Beschützer des Kollegs und er bewahrt unsere Seelen und achtet darauf, dass wir alle nicht zu viel essen und trinken, was gut sein könnte für unsere Seelen, die doch für die Ewigkeit bestimmt sind.

Geschirr, Gläser, Servietten:  alles am Tisch ist hervorragend ausgestattet und findet unterschiedliche Verwendung je nach Anlass, ob unter der Woche, am Sonntag, an einem Hochfest — meistens ohne, manchmal mit dem Wappen der Anima darauf.

III

Alt-Animale Bischof Ägidius Zsifkovics fasst in seinem Beitrag seine ganze Spiritualität zusammen im Wappen der Anima, worin er seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erblickt. Der Doppeladler erinnert ihn als Österreicher an die Österreichisch-Ungarische Monarchie und die in ihr möglich gewesene Vielfalt, die er jetzt ebenso gut in seiner Diözese Eisenstadt erlebt. In den beiden Flügeln des Doppeladlers sieht er — mit Johannes Paul II. — die beiden Lungenflügel von Europa. In einer der armen Seelen neben Maria mit dem Jesuskind sieht er sich selbst, in der anderen armen Seele den damaligen Rektor der Anima, Dr Johannes Nedbal, und seine Lehrer und Vorgesetzten, wirklich arm, ‘wenn es darum ging, aus mir etwas Nützliches und Brauchbares zu machen. Ich denke, das gilt wohl auch für die heutigen Kollegiaten und Rektoren!’

Noch höher gestimmt ist der Essay des deutschen Journalisten Martin Lohmann, der sich in der Anima-Kirche im strahlenden Vorhof des Himmels wähnt: ‘Über die Augen meldet sich sofort das Staunen über einen außergewöhnlichen Raum. Über einem von Harmonie und Glanz die Seele und das Herz ergreifenden Raum Gottes. Irgendwie schimmert hier der Himmel warm und edel in unsere Welt.’

Und recht hat Herr Lohmann damit, dass die außerordentliche Akustik der Kirche als Verpflichtung verstanden wird, ‘heilige Liturgie so ehrfürchtig, wie würdevoll zu feiern und dabei besonders die Schätze der kostbaren sakralen Musik zur Entfaltung bringen zu lassen’.

In November 1885 hat Claude Debussy Santa Maria dell’Anima besucht, um hier — so schreibt er — zwei Messen zu hören: die eine mit Musik von Palestrina, die andere mit Musik von Orlando di Lasso. Ein idealer Ort, so der französische Komponist, um Musik aus dem sechzehnten Jahrhundert anzuhören.

Es ist diese alte Tradition des Musizierens in der Liturgie, die Hofrat Brandmayr in unserer Kirche wieder zu beleben versucht. So hat er die Cappella Musicale di Santa Maria dell’Anima von neuem gestiftet.

Was der Rektor selbst in kurzem, skizzenhaftem Abriss in diesem Buch über die Kirche und die Sakristei sagt, entfaltet der Wiener Professor Hans Haider über Kirche und Kolleg insgesamt in seinem Beitrag Momentaufnahmen. Dabei bezieht er auch noch Literatur ein, worin die Anima eine Rolle spielt.

IV

Das Benedikt.-Fenster des österreichischen Künstlers Johann Weyringer hat Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst dazu inspiriert, eine Ode auf den emeritierten Papst als Beitrag für das Photobuch zu singen.

Aus der kräftigen und kristallinen Struktur treten drei Darstelllungen in den Vordergrund. So der Bischof:

Im rechten Bildfeld findet sich eine reliefartige  dreidimensionale Ausformung, die die Taube als Symbol des Heiligen Geistes in transluzenter Form enthält. ‘Auf der gegenüberliegenden Seite sieht man ein Bildnis, das den Theologen Joseph Ratzinger und den Pontifex Papst Benedikt in eins zeigt. […] Im vertrauten Gesichtsausdruck des Papstes leuchten zugleich die Augen und das Gesicht des jungen Theologen.’

‘Die zentrale Mitte des Fensterbildes wird vom Motiv des gerade gewählten Petrusnachfolgers bestimmt. […] Hier strahlt geistlich die Gebärde des gütigen Blickes und der ausgebreiteten Hände als die einladende Geste, wofür die Kirche steht.’

‘Die sich durch das ganze Bild ziehende dominierende blau-gelbe Farbgebung ist in doppelter Weise komplementär. Nicht nur dass in der Malerei blau und gelb zu einem hoffnungsvollen Grün verschmelzen, auch die Trilogie von einem Leben in Licht der Taufe, einer Theologie im Takt und Treue und einem Hirtendienst im Horizont des Heiligen verbinden sich im Pontifikat von Papst Benedikt zu einer Linie der Leidenschaft für Christus und seine Kirche.’ So Bischof Tebartz-van Elst.

Wir denken daran, wie wir Kollegiaten damals zusammen mit Rektor Hörist Papst Benedikt am 12. Mai 2006, anlässlich  des Gedenkens  der Kanonischen Errichtung von S. Maria dell’ Anima, damals vor 600 Jahren, den Apostolischen Palast besucht haben. Spontan wich damals der heilige Vater von seinem geschriebenen Text ab und memorierte, wie viele schöne persönliche Erinnerungen ihn an die Anima binden:

‘[Der Kölner] Kardinal Frings — obwohl er Rheinländer war — liebte in der Anima, wie er sich ausdrückte, die österreichische Atmosphäre, die er als etwas heiteres, gelassenes empfand. Und so durfte ich [Ratzinger] mit ihm im Oktober 1962 in der Anima Quartier beziehen und alle vier Konzilsperioden dort erleben. Schon der lauschige Eingang, mit dem Wässerchen was da sprudelt, in der Stille, die da ist und der Blick dann auf die Kirche, war etwas Bewegendes. Dann hat mir gerade gefallen, wie verwinkelt die Gänge sind, wie viel Geschichte da spricht, wie viel Herzlichkeit und Wohnlichkeit da ist, wie viel Menschlichkeit darin zu spüren ist. […] Und natürlich war die Kirche ein besonderes Zuhause […] der Blick auf das Grab Hadrians VI. hat uns ja spüren lassen, wie schwere Zeiten es in der Kirche geben kann und wie Gott sie doch durch alle hindurchführt.’

Das war vor zwölf Jahren. Jetzt hat der nunmehr letzte deutsche Papst, seit fünf Jahren emeritiert, für dieses jetzt erscheinende Buch als Geleitwort ein Grußwort beigetragen.

‘In der großartigen Präsentation des erneuerten Kollegs und der herrlich renovierten Kirche kann ich doch sehen, wie der durch so viele Jahre vertraute Bau heute in neuem Glanz dasteht. Dass ich nun dort selbst schon aus der Gegenwart heraus in die Geschichte eingetreten bin, lädt mich zu mancherlei Meditationen ein. Vor allem aber macht es mich froh zu sehen, dass das Kolleg nicht nur äusserlich neu und schöner entstanden ist, sondern auch inwendig nach den Krisenjahren von neuem lebt, die es mit der ganzen Kirche nach dem Konzil hatte durchstehen müssen.

V

Unter den vielen Restaurierungen, die Rektor Brandmayr durchgeführt hat, sollten wir noch die Pforte nennen, wo jetzt die Gastfreundlichkeit unseres so vornehmen Hauses dem Besucher entgegenkommt.

Und oft führt man da in der Pforte die eingeladenen Gäste sofort in diese Bibliothek — einmal gebaut als Festsaal, dann Bücherei geworden, nun restauriert als Festsaal-Bibliothek. Viele Bücher sind verschwunden, aber die Architektur mit den hohen Säulen  schafft nun Raum das Leben zu genießen. Die Bücher werden zwar kaum noch gelesen, aber sie zeugen von der Gelehrsamkeit, die wir uns als Bewohner des Kollegs gerne zuschreiben.

Auch ich bin zum ‘Animalen’ geworden, schreibt der emeritus-Papst Benedikt in seinem Geleitwort des Buches Santa Maria dell’Anima, ‘wie ja übrigens auch der grosse Münchener Erzbischof Kardinal Faulhaber sich immer in der Anima zu Hause wusste und sich einmal in ihrem Gästebuch mit dem Psalmvers enigetragen hat: “Anima mea in manibus meis semper”‘.

Mit Stolz erinnern wir Animalen uns, wie Michael von Faulhaber hier in unserem Haus auf Wunsch Pius XI. den Entwurf für die am 14. März 1937 veröffentlichte Enzyklika Mit brennender Sorge. Über die Lage der katholischen Kirche im deutschen Reich geschrieben hat.

Er ist derselbe Kardinal, der am 29. Juli 1951 im Freisinger Dom Joseph Ratzinger und dessen Bruder George zum Priester geweiht hat.

Zum Schluss:

Hier in diesem Saal, in dieser jetzt österreichisch geprägten Prunkbibliothek, hat der junge Theologe Joseph Ratzinger am Vorabend des Zweiten Vatikanischen Konzils, am 10. Oktober 1962, als Berater von Kardinal Frings und als bevorstehender Peritus einen Vortrag  vor deutschen und deutschsprachigen Bischöfen gehalten unter dem Titel ‘Bemerkungen zum Schema De fontibus revelationis‘. Und der Berater kritisiert das Schema mit Erfolg. Er sagte:

‘In Wirklichkeit sind ja nicht Schrift und Überlieferung die Quellen der Offenbarung, sondern die Offenbarung, das Sprechen und Sich-Selbst-Enthüllen Gottes ist der unus fons, aus dem die beiden rivuli Schrift und Überlieferung hervorfliessen.’

‘Schrift und Überlieferung sind für uns allerdings die Quellen zur Erkenntnis der Offenbarung, aber sind nicht an sich die Quelle der Offenbarung, sondern an sich ist die Offenbarung die Quelle von Schrift und Überlieferung. Demgemäss heisst in der mittelalterlichen Überlieferung die Schrift zwar Fons scientiae und ähnlich, aber niemals Fons revelationis. […] Offenbarung ist nicht eine den Grössen Schrift und Überlieferung nachgeordnete Sache, sondern sie ist das Sprechen und Handeln Gottes selbst, das allen geschichtlichen Fassungen dieses Sprechens vorausliegt, sie ist die eine Quelle, die Schrift und Überleiferung speist.’

Die Offenbarung selbst ist immer ein Mehr gegenüber ihrer fixierten Bezeugung in der Schrift; dass sie das Lebendige ist, das die Schrift umgreift und entfaltet.

De fontibus revelationis als Titel des Schemas ist abzuändern in De revelatione oder De verbo Dei.

Jener Vortrag des jungen Joseph Ratzingers ist unseres Erachtens der wichtigste, den die Säule und die Wände  dieser Bücherei einst gehört haben.

Der Glanz der Ansprache des damals zukünftigen Papstes strahlt bis jetzt auf Santa Maria dell’Anima und so auch auf diese Bibliothek.