Antoine Bodar

In bezoedeling gedijt de zuivering

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Verwandtschaft mit Augustinus

30 januari 2017 |  Antoine Bodar |  Ratzinger-studies

 

I

‘Er wollte nur im Dienst der Wahrheit stehen, er fühlte sich nicht zum pastoralen Leben berufen, begriff aber dann, dass der Ruf Gottes genau darin bestand, Hirt unter den anderen zu sein und so das Geschenk der Wahrheit den anderen zu bringen.’[1] So spricht Joseph Ratzinger über Augustinus von Hippo, aber spricht er damit nicht zu gleicher Zeit über sich selbst? Trösten ihn nicht die  Schriften der Kirchenväter, bei deren Lektüre er das Schöne des Glaubens aufleuchten sieht?[2]

Eine Wahlverwandtschaft spürt Ratzinger offenbar mit Augustinus. Beide sind Gelehrten und zum Bischofsamt gerufen, obwohl beide als studiosus lieber in ihrem Gehäuse geblieben wären.

‘Wenn ich die Schriften des heiligen Augustinus lese, habe ich nicht den Eindruck, dass es sich um einen Mann handelt, der vor mehr oder weniger 1600 Jahren gestorben ist, sondern ich spüre ihn wie einen Menschen von heute: einen Freund, einen Zeitgenossen, der zu mir spricht, der mit seinem frischen und aktuellen Glauben zu uns spricht.’ Mit diesen Worten zeigt Papst Benedikt XVI. in der zweiten von fünf Mittwoch-Katechesen am 16. Januar 2008 seine Verwandtschaft mit dem afrikanischen Bischof.[3] Neun Monaten früher, am 22. April 2007, hat der Bischof von Rom in Pavia das Grab seines Bruders im Bischofsamt besucht. Sein Pastoralbesuch wird dann eine Pilgerreise. ‘In dieser Form hatte ich ihn anfangs geplant, in dem Wunsch, hierherzukommen und die sterblichen Überreste des heiligen Augustinus zu verehren, um so die Huldigung der ganzen katholischen Kirche an einen ihrer grössten “Väter” zum Ausdruck zu bringen und auch meine persönliche Verehrung und Dankbarkeit gegenüber demjenigen, der so sehr teilhatte an meinem Leben als Theologe und als Hirte — aber davor noch, so würde ich sagen, als Mensch und als Priester.’[4]

Von den drei Bekehrungen, die Augustinus — Ratzingers Erachten nach[5] — erfahren hat, erkennt er selbst unserer Meinung nach mehr oder weniger zwei (obwohl jeder Mensch sich natürlich jede Stunde bekehren soll).

Nicht die erste Bekehrung des Augustinus; denn ihre Jugend ist ganz unterschieden gewesen. Joseph Ratzinger lebt immer schon im Herzen der Mutterkirche. Augustinus hat sich erst später in seinem Leben taufen lassen. Aber wie zeitlos und ehrlich und entwaffnend (kurz: ‘modern’) schreibt der Afrikan über sein früheres Leben in seinen Bekenntnissen (Confessiones)! Da lesen wir[6]:

Sero te amavi, pulchritudo tam antiqua et tam nova, sero te amavi! et ecce intus eras et ego foris, et ibi te quaerebam, et in ista formosa, quae fecisti, deformis inruebam. mecum eras, et tecum non eram. ea me tenebant longe a te, quae si in te non essent, non essent. […] fragrasti, et duxi spiritum et anhelo tibi; gustavi et esurio et sitio; tetigisti me, et exarsi in pacem tuam.

Und sofort verstehen wir, dass Gott bekennen und Gott preisen in den Confessiones völlig zusammen gehören (wie das lateinische Wort auch bezeichnet). So lehrt Augustinus uns, die Leser, von der Unruhe in die Ruhe zu gelangen[7]:

Magnus es, domine, et laudabilis valde. magna virtus tua et sapientiae non est numerus. et laudare te vult homo, aliqua portio creaturae tuae, et homo circumferens mortalitatem suam, circumferens testimonium peccati sui et testimonium, quia superbis resistis; et tamen laudare te vult homo, aliqua portio creaturae tuae. tu excitas ut laudare te delectet, quia fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.

Die zweite Bekehrung teilen die beiden Bischöfe unseres Erachtens einigermassen:

Nach seiner Taufe in 387 hat Augustinus sich entschlossen, nach Afrika zurückzukehren und dort mit seinen Freunden ein kleines Kloster gegründet, um da zu beten, zu studieren, zu schreiben. Aber bald ist er dann, gegen seine Wille gerufen, zum Priester und kurz nachher, in 395, zum Bischof geweiht.

Ratzinger hat in seinem Priesterleben immer studiert, unterrichtet und geschrieben.  Dann, in 1977, wird er gerufen zum Bischofsamt — für ihn ‘ein unendlich schwieriger Entscheid’[8]. Von Anfang an zum Lehren berufen, glaubt er seine eigene theologische Vision gefunden zu haben, um ein Oeuvre schaffen zu können und so etwas zum Ganzen der Theologie beizutragen.[9]

Augustinus und Ratzinger, beide, lassen — nur teilweise übrigens — die Bücher hinter sich, um jetzt mehr das (meistens nicht gelehrte) Volk Gottes (plebs sancta) zu dienen.

Augustinus lernt, ‘oft unter Schwierigkeiten, die Frucht seiner Intelligenz den anderen zu ihrem Nutzen zur Verfügung zu stellen. Er lernte, seinen Glauben den einfachen Menschen mitzuteilen […] Zu verstehen, dass man zu den anderen durch Einfachheit und Demut gelangt — das war seine wahre und zweite Bekehrung.’[10]

Joseph Ratzinger hat immer versucht in dieser Hinsicht sein Vorbild nachzufolgen. Möglicherweise ist es ihm nicht immer gelungen, wenn wir uns manche päpstliche, all zu schwierige Mittwoch-Katechesen anschauen.

Und die dritte Bekehrung?

In 426, vier Jahre vor seinem Tod, kann Augustinus sich teilweise zurückziehen, um zu studieren. Es sind Jahre einer ausserordentlichen intellekten Aktivität geworden. Gewachsen in Demut, führt diese ihn die Erfahrung einer auch intellektuelen Demut ein. Alle seine sehr zahlreichen Werke unterzieht er einer nüchternen kritischen Prüfung. ‘So entstanden die Retractationes (Durchsichten), die auf diese Weise sein wahrhaft grosses theologisches Denken in den demütigen und heiligen Glauben jener einfügt, die er einfach Catholica nennt, das heisst der Kirche.’[11]

In dieser augustinischen Gesinnung erscheinen seit 2008 die gesammelten Schriften Joseph Ratzingers, des mit Demut in 2013 zurückgetretenen Papstes Benedikt XVI.. ‘Wenn dazu die Fähigkeit nicht mehr da ist, ist es auch geboten’, so verantwortet der emeritus Papst seinen Rücktritt’[12], ‘nun eben den Stuhl frei zu machen’.

II

In welchen Themen stimmt Ratzinger klar überein mit Augustinus? Das heisst: In welcher Hinsicht weiss er sich vom grossen Kirchenvater am meisten unterstützt  — immerhin in seiner Rezeption des afrikanischen Bischofs?

Drei Themen, die genau mit einander verbunden sind, möchten wir hier benennen: Die Suche nach der Wahrheit (a), das Zusammengehen von Philosophie und Theologie bzw Vernunft und Glaube (b), Christus, seine Kirche mit der Eucharistie in ihrem Herz (c).

Ad a)

‘Der heilige Augustinus war ein Mensch, der beseelt  war vom unermüdlichen Wunsch, die Wahrheit zu finden, herauszufinden, was das Leben ist, zu wissen, wie man leben soll, den Menschen kennenzulernen. Und eben auf Grund seiner Leidenschaft für den Menschen hat er notwendigerweise Gott gesucht, weil nur im Licht Gottes auch  die Grösse des Menschen, die Schönheit des Abenteuers, Mensch zu sein, vollends aufscheinen kann.’[13] Aufe seiner Suche nach der Wahrheit hat Augustinus die Bibel gelesen, aber ist davon enttäuscht. Im Alten Testament fehlt ihm rhetorische Schönheit und philosophische Grösse. Dann nach weiter Suchen  reicht ihm zum Schluss Ambrosius den Schlüssel, um im Alten Testament typologisch den Weg zu Jesus Christus zu finden und so begreift Augustinus jetzt ‘die ganze Einheit des Geheimnisses Christi in der Geschichte und auch die Synthese zwischen Philosophie, Rationalität und Glaube im “Logos”, in Christus, dem ewigen Wort, das Fleisch geworden ist’. Bald wird er sich dazu bewusst, dass die allegorische Lesart der Schrift und die neuplatonische Philosophie ihm erlauben, die intellektuellen Schwierigkeiten, die ihm bis dann in der Bibel unüberwindbahr erschienen sind, zu lösen.[14]

Als  Mitarbeiter der Wahrheit, als Liebhaber der Schönheit, als Dialog suchender Denker in der Fundamentaltheologie bewundert Joseph Ratzinger immer den von Augustinus gegangenen Weg. Für seine Bischofsweihe wählt der ehemalige Professor für das Wappen nicht nur als Wahlsprüch Cooperatores Veritatis (3 Jo 8), sondern fügt dem Schild als Symbol die Muschel hinzu — ‘zunächst einfach Zeichen des Unterwegsseins’, aber auch Erinnerung an die Legende über Augustinus, der, grübelnd über das Geheimnis der Trinität, am Strand ein Kind  mit einer Muschel spielen sieht, mit der es das Wasser des Meeres in eine kleine Grube zu schöpfen versucht. ‘So ist die Muschel Hinweis für mich auf meinen grossen Meister Augustinus, Hinweis auf meine theologische Arbeit und Hinweis auf die Grösse des Geheimnisses, das weiter reicht als all unsere Wissenschaft.’ Dann nimmt der Bischof Elect aus der Legende des Freisinger Gründerbischofs Korbinian den Bären hinzu: Das Tier hat auf der Reise nach Rom das Pferd des Bischofs zerfleischt. Darum wird ihm, dem Bären, zur Strafe das Bündel aufgepackt, das bis dahin das Pferd getragen hat. Das mit dem Last des Heiligen beladene Tier erinnert Ratzinger an eine Psalmmeditation des Augustinus, wo er die Last und die Hoffnung seines Lebens ausgedrückt gefunden hat — ‘wie ein Selbstporträt,  […] ein Bild seiner selbst unter der Last seines bischöflichen Dienstes’. ‘Was Augustinus da schreibt, wurde mir nun zur Darstellung meines eigenen Geschicks.’[15]

Augustinus als Sucher der Wahrheit. Diese Verwandtschaft ist augenscheinlich nicht sofort für Ratzinger da so kräftig und klar gewesen.

‘Dieses Thema war nicht von Anfang an so zentral für mich. Ich habe im Laufe meines geistigen Weges sehr stark das Problem empfunden, ob es nicht eigentlich eine Anmassung ist zu sagen, wir könnten Wahrheit erkennen — angesichts all unserer Begrenzungen.’ Im Verfolgen dieser Frage hat Ratzinger verstanden, ‘dass der Verzicht  auf Wahrheit nichts löst, sondern im Gegenteil zur Diktatur der Beliebigkeit führt. […] Der Mensch entwürdigt sich selbst, wenn er nicht Wahrheit erkennen kann; wenn alles eigentlich nur Produkt einer einzelnen oder kollektiven Entscheidung ist.’ Auf diesem Weg ist es dem Gelehrten dann klar geworden, wie wichtig es ist, dass der Begriff Wahrheit als zentrale Kategorie stehenbleibt. ‘Als eine Forderung an uns, die uns nicht Rechte gibt, sondern die im Gegenteil unsere Demut und unsere Gehorsam verlangt und die uns auch auf den Weg des Gemeinsamen bringen kann.’ So ist Ratzinger langsam ‘dieser Primat der Wahrheit sichtbar geworden’.[16]

Ad b)

In den Confessiones (VIII 1, 3-5) erzählt Augustinus, wie entscheidend  für seinen eigenen Weg die Bekehrung des bekannten Philosophen Marius Victorinus gewesen ist. Victorinus hatte geweigert der Kirche beizutreten. Er war der Meinung in seiner Philosophie bereits alles Wesentliche des Christentums zu besitzen. Darum benötigte er die Institutionalisierung  seiner Überzeugungen in einer Kirchenzugehörigkeit nicht mehr. In der Kirche sah er nur Platonismus für das Volk. Aber dann sah er ein, dass diese Einsicht ein Irrtum war und dass die Kirche mehr als eine Organisierung von Ideen ist, sondern ein Weg. ‘Das Wir der Glaubenden ist nicht eine sekundäre Zutat für kleine Geister, es ist in gewissem Sinn die Sache selbst — die mitmenschliche Gemeinschaft ist eine Realität, die auf anderer Ebene liegt als die blosse “Idee”. Wenn Platonismus eine Idee von der Wahrheit gibt, so gibt christlicher Glaube die Wahrheit als Weg, und erst indem sie zum Weg wird, ist sie des Menschen Wahrheit geworden.’[17]

‘So hat der Glaube an Christus seiner [Augustinus] Philosophie, seinem intellektuellen Mut kein Ende gesetzt, sondern er hat ihn im Gegenteil gedrängt, weiter nach den Tiefen des Menschseins zu suchen und anderen zu helfen, gut zu leben […] Das war führ ihn die Philosophie: zu leben wissen mit der ganzen Vernunft unseres Denkens und unseres Wollens und sich führen zu lassen auf dem Weg der Wahrheit, der ein Weg des Mutes, der Demut, der ständigen Läuterung ist.’[18]

In seiner dritten Augustinus-Katechese am 30. Januar spricht Benedikt XVI. über ‘die innerliche Wechselbeziehung von Glaube und Vernunft’. Der Gegenstand Glaube und Vernunft ist ‘ein für die Biographie des heiligen Augustinus entscheidenes Thema’ (wie auch für den Papst selbst). Auch heute stellt der von Augustinus gegangenen Weg ‘ein gültiges Modell für das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft’. Die beiden müssen vielmehr stets zusammengehen. Sie sind ‘die zwei Kräfte, die uns zum Erkennen bringen’ (Augustinus, Contra Academicos III 20,43). Die zwei augustinischen Adagien sind nicht umsonst immer noch bekannt (Augustinus, Sermones 43,9): crede ut intellegas und intellige ut credas. Noch vor dem Kommen Christi nimmt die Synthese dieser zwei Kräften in der Begegnung zwischen jüdischem Glauben und griechischem Denken Gestalt an. In der Folge ist diese Synthese in der frühen Kirche weiterentwickelt worden.[19]

So auch in unserer Zeit, weil jetzt die Synthese von vielen Wissenschaftlern eher als Antithese begriffen wird. Das Antwort der Kirche darauf sind Studien Joseph Ratzingers, wessen Gedanken darüber 1998 im päpstlichen Rundschreiben von Johannes Paul II. — Fides et Ratio — schon mal zusammengefasst sind.

‘Die innere Wechselbeziehung von Glaube und Vernunft lässt uns bewusst werden, dass Gott im Innersten unseres Ichs erkannt und gefunden werden kann.’[20]  Ubi ergo mihi tunc eras et quam longe? […] tu eras interior intimo meo et superior summo meo.[21]

Ad c)

Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, hat ‘ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt. Sie ist sein Leib und wird von ihm erfüllt, der das All ganz und gar beherrscht’. (Eph 1,22-23; cf. 1,17) ‘Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche.’ (Kol 1,18) ‘Wir sind Christus geworden’, folgert Augustinus (In Ioannis evangelium tractatus 21,8). ‘Denn wenn er das Haupt ist, wir seine Glieder, so ist er und sind wir der ganze Mensch.’

‘Volk Gottes und Haus Gottes — die Kirche ist in der Sicht des Augustinus als eng an den Begriff des Leibes Christi gebunden; diese Sicht gründet auf der christologischen Lesart des Alten Testaments und auf dem sakramentalen Leben, das seinen Mittelpunkt in der Eucharistie hat, in der der Herr uns seinen Leib gibt und uns in seinen Leib verwandelt. Es ist also grundlegend, dass die Kirche, Volk Gottes im christologischen und nicht im soziologischen Sinn, wirklich in Christus eingegliedert is […]’[22] Dazu kommt dieses:

‘In der Kirche gilt nicht, was dieser oder jener sagt, sondern was der Herr sagt (In ecclesia non valet, quod hic dicit, quod ille dicit, sed haec dicit Dominus) — ein Augustinus-Wort, das der junge Ratzinger als Student an der Universität München beglückt hat.[23]

Sein Lehrmeister da Gottlieb Söhngen begeistert Ratzinger über Augustinus seine Doktorarbeit zu schreiben. Kennzeichnend für diesen Fundamentaltheologen nennt sein Schüler, dass er immer von den Quellen selbst herdenkt.[24]  Hochgeschätzt in Söhngen hat er, ‘dass der Theologe nicht im eigenen Namen spricht, so sehr er sich selbst geben muss, sondern dass er für den Glauben der Kirche steht, den er nicht erfindet, sondern empfängt. Zutiefst kam die Furchtlosigkeit seines Fragens aus der Erkenntnis, dass wir nicht fragen können nach der Wahrheit, wenn sie nicht zuerst gefragt hätte nach uns; dass wir Wahrheit nicht suchen könnten, wenn wir nicht schon zuvor gefunden wären von ihr.’[25]

III

Also hat Joseph Ratzinger 1950 von Söhngen den Auftrag bekommen, den Kirchenbegriff bei Augustinus zu untersuchen. Als Buch ist es 1954  mit dem Titel Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche erschienen.

Die Arbeit behandelt zum ersten ‘das doppelte Apriori des augustinischen Kirchenbegriffes’, d.h. Augustins eigene Philosophie und die afrikanische Theologie. Danach wird der Kirchenbegriff selbst entfaltet.  Methodisch ist die ganze Arbeit ausschliesslich von den Quellen her entworfen.[26]

‘Augustins Theologie des Hauses Gottes stützt sich nicht auf eine theologische Ausdeutung des Kirchengebäudes’, sondern ‘die lebendige christliche Gemeinde ist das christliche Äquivalent zum alttestamentlichen oder auch zum heidnischen Tempel. Deshalb führt die Betrachtung des Gotteshauses […] sofort zu einer Theologie des lebendigen Volk Gottes, der ecclesia sive congregatio [synagoga], die sich in diesem Hause andeutet.’ ‘Haus Gottes’ bezeichnet selbst kein eigenes Gedankenzentrum in der ‘Ekklesiologie’ Augustins.

Gleichfalls mehrere Ansatzpunkte gibt es für die Lehre vom Volke Gottes:

Der Begriff der Catholica  deckt den Begriff der Kirche, die aus allen Völkern geeint das eine Volk ist.

Die Kirche erscheint als ‘die gottgegründete, geisthafte civitas, oder vielmehr als deren Pilgerkolonie auf Erden’.

‘Volk’ kann demnach nur als Typus (O.T.) oder Antitypus (Heiden)  aufgefasst werden zur neuen Gottesgemeinschaft.

Der liturgische Populus und die gesamte sichtbare Kirche sind nur Zeichen für die noch nicht offenbare ‘wahre’ Kirche.

‘Das Volk hat seine eigentliche Wesensart im sakramentalen Leib-Christi-Gemeinschaft, d.i. corpus Christi.’ (‘Corpus’ ist durchaus konkret und keineswegs nur bildlich gemeint.) ‘So ist das “unus panis — unum corpus sumus multi” der eigentliche sachliche Kern von Augustins Kirchenbegriff.’

Corpus Christi drückt die Seinsweise, die innerliche  Wirklichkeit dessen aus, was mit civitas und populus umgrenzt wird. Die Kirche ist eben das als Leib Christi bestehende Volk Gottes.’[27]

Im Vorwort zur Neuausgabe 1992 bringt Joseph Kardinal Ratzinger in Erinnerung, dass der Hauptakzent der ihm gestellte Aufgabe ganz klar auf Volk Gottes als neuem hermeneutischem Schlüssel zur Klärung dessen, was Kirche nach den Vätern, lag. ‘Volk Gottes bezeichnet nicht direkt die Kirche Jesu Christi, sondern das Volk Israel, die erste Phase der Heilsgeschichte. Erst […] in einer pneumatologischen Auslegung, wird es Hinweis auf die Kirche.’ Das heisst: ‘Volk Gottes wird Kirche, wenn es von Christus und vom  Heiligen Geist neu versammelt wird.’

‘Die beiden tragenden Elemente von Augustins Vision der Kirche sind die christologische relecture des Alten Testaments und das sakramentale Leben mit seinem Zentrum in der Eucharistie.’ In der Civitas-Dei-Lehre (in den 22 Büchern Augustins De civitate Dei — in dem grossen Buch über den Kampf zwischen zwei Arten der Liebe: Eigenliebe und Gottesliebe[28]) steht man vor einer neuen Synthese des grundlegenden patristischen Erbes mit seiner eigenen Ekklesiologie, seiner Gnadenlehre und seiner Eschatologie.Civitas Dei besagt ‘die real-historische Gemeinschaft, das “Volk”, das Gott sich konkret in der Welt sammelt: die Kirche’. ‘Als Gemeinschaft vom Sakrament her ist sie konkret, aber ihre Konkretheit ist nicht die des Empirischen, sondern eben die des Sakramentalen.’

So hat Joseph Ratzinger in seiner Dissertation ‘die wahre Ebene des patristischen Denkens herauszuarbeiten und von da aus Civitas Dei zu deuten versucht’.[29]

Ratzingers Doktorarbeit hat gerade im nachkonziliaren Disput um die Kirche eine unerwartete Aktualität gewonnen. Das Konzil hat dem Begriff Volk Gottes ein ganzes Kapittel (das zweite) in Lumen Gentium gewidmet und damit neues Gewicht gegeben. In der Publizistik nach dem Konzil wurde die Aufnahme dieses Kapittels als Absage an eine christologische Konzeption und als Relativierung der hierarchischen Gestalt von Kirche hingestellt. Die Volk-Gottes-Aussagen jedoch stehen ‘in einem untrennbaren und organischen Zusammenhang mit allen grossen Leitworten der ekklesiologischen Überlieferung’. Mit ihnen sind sie zu einer Synthese verschmolzen, in der Ratzinger ‘eine vollständige Bestätigung der wesentlichen Ergebnisse’ seines Buches’ findet — ‘eine völlige innere Einheit der grundlegenden Sehweise von Kirche’.[30]

Für Ratzinger hat Augustinus nicht nur als Theologe, sondern auch als Christ in seinem konkreten Leben überzeugt. ‘In diesem Sinne findet Joseph Ratzinger über Augustinus zu einer spirituellen Theologie, die die eigentliche Theologie für das dritte Jahrtausend sein soll. Diese kommt besonders in der Christologie zum Ausdruck.’ So Joseph Lam C. Quy in seiner Schlussbetrachtung der Studie Theologische Verwandtschaft. ‘Hier liegt auch das Fundament der Kirche. Nach Augustinus und Joseph Ratzinger ist die Kirche christozentriert, und zwar als eine eucharistische Gemeinschaft, und als solche ist sie darum heilsnotwendig.’

Ratzinger — ein Augustinus redivivus?

Joseph Ratzinger hat ‘die Probleme der Neuzeit in Augustinus hineingetragen und von dieser neuzeitlichen Perspektive aus Augustinus befragt.’[31]

IV

Benedikt XVI. spürt Augustinus wie einen Menschen von heute: einen Freund, einen Zeitgenossen, der zu ihm spricht.[32]

Aus evangelischer Sicht skizziert Wolfram Kinzig das ausgeprägte Interesse des emiritierten Papstes an der Theologie der Kirchenväter und er stellt fest, dass Ratzingers patristisches Profil sich über die Jahre wenigen Wandlungen unterworfen ist. Wie nimmt Ratzinger/Benedikt die Kirchenväter in den Blick? Diese ist Kinzigs Frage. ‘Was ihn an Augustin interessiert, ist nicht die spätantike Bischof in Nordafrika, sondern der Denker Augustin, der Texte hinterlassen hat, die als solche philologisch interpretiert und dann auch ekklesiologisch aktualisiert werden können. Dadurch wird suggeriert, man könne von dem historischen Abstand, der uns von der Spätantike trennt, absehen und mit Augustin über die Jahrhunderte hinweg gewissermassen unbefangen und “direkt” ins Gespräch treten.’ Gerade dies ist der Einsicht des evangelischen Theologen nach unmöglich: ‘Die Philologie dient nach Benedikt nicht der historischen Rekonstruktion, sondern vornehmlich der theologischen Aktualisierung.’ Nicht von der Kirchengeschichte her, sondern von der systematischen Theologie her, nähert Ratzinger sich der alten Kirche. Er liest Augustin als theologischen Zeitgenossen. ‘Im Zentrum des patristischen Interesses steht der Kirchenbegriff, der allerdings nicht in erster Linie historisch-kritisch, sondern begriffsgeschichtlich erhoben wird’.[33] Unter Hinweis auf Ratzingers Veröffentlichung Das Problem  der Dogmengeschichte in der Sicht der katholischen Theologie aus 1966 fasst Kinzig dessen geschichtliches Verständnis des katholischen Glaubens zusammen: Er argumentiert christologisch. Er betont ein Offenbarungsverständnis,  das immer noch geschehende Ereignis einer neuen Relation zwischen Gott und dem Menschen ist, welches kontinuierlicher Erklärung  bedürfe. Er entfaltet einen Dogmenbegriff, der Überlieferung ‘als die Explikation des in der Schrift bezeugten Christusgeschehens in der Geschichte des Glaubens in der Kirche’ versteht. (Kirche als Institution verstanden, deren Wesenskern die Eucharistie ist, die ihrerseits ganz vom Opfergedanken her gedeutet wird.)[34]

Für den evangelischen Patristiker ergeben sich für diese Art der Väterlekture nur wenige Anknüpfungspunkte. Kinzig deutet abschliessend nur seine Vorbehalte an: Dogmengeschichte ist nicht allein, aber immer auch Dogmenkritik. Die historische Arbeit vollzieht sich so, dass dabei das Vorverständnis des Historikers und eine dieses Vorverständnis  prägende Forschungstradition eine zentrale Rolle spielen. Dieser Kontext ist auch ein kirchlicher Kontext, und verantwortliche kirchenhistorische Forschung wird den kirchlichen Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam zuhören. ‘Ein reines Nach-Buchstabieren bzw. Nach-Denken der Texte der Väter […] reicht nicht aus, wo uns diese Texte fern und fremd geworden sind.’[35] Sic.

Nicht die Theorien, sondern Personen machen eine Lebensform anschaulich und glaubhaft. ‘Dies ist der Grund, weswegen der Papst sich entschied, über mehrere Jahre hinweg  Gestalten des Glaubens […] in den Mittelpunkt seiner wöchentlichen Katechesen zu stellen.’ So reagiert, aus katholischer Sicht, Michael Fiedrowicz: ‘Die Kirchenväter als Gestalten der Vergangenheit gerade in ihrer Gegenwartsbedeutung zu erschliessen.’ Sie sind ‘wahre Sterne, die aus der Ferne leuchten’ und mit ihrem Licht die Gegenwart erhellen. Soll die Theologie der Kirche helfen, auf den Plan Gottes zu antworten, so sind die frühchristlichen Theologen für Benedikt zunächst selber leidenschaftliche Wahrheitssucher gewesen. Die Theologie blieb bei den Vätern niemals eine rein akademische Abhandlung, sondern war immer auf die Erfahrung des Gebetes, des Kontaktes mit Gott gegründet. ‘Die Reflexion wandelt sich zum Gebet, und das Gebet wird wieder zur Reflexion.’ Das sentire cum ecclesia gilt für die Glaubensreflexion generell. Das wesentliche Merkmal  eines Theologen ist die Demut, mit der Kirche zusammenzubleiben. Diese richtige Haltung lässt sich bei Augustin erkennen. Glaubensreflexion in medio ecclesiae bedeutet auch, dem Glaubensbewusstsein  des Gottesvolkes als locus theologicus Beachtung schenken. Diesem gemeinsamen Glauben suchte auch Augustinus zu dienen.[36]

*      *      *

Papst Benedikt XVI. hat vor dem Grab Augustins, ‘dieses grossen in Gott Verliebten’, seine erste Enzyklika mit dem Titel Deus caritas est — seine Lieblingsenzyklika[37] — der Kirche und der Welt übergeben. ‘Diese verdankt nämlich vor allem in ihrem ersten Teil viel dem Denken des heiligen Augustinus. Auch heute wie zu seiner Zeit hat es die Menschheit nötig, diese fundamentale Wirklichkeit zu kennen und vor allem zu leben: Gott ist Liebe, und die Begegnung mit ihm ist die einzige Antwort auf die Unruhe des menschlichen Herzens. Ein Herz, in dem die Hoffnung wohnt […] “Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung” (Röm 8,24). Der Hoffnung habe ich meine zweite Enzyklika, Spe salvi, gewidmet, und auch sie schuldet sehr viel dem Augustinus und seiner Begegnung mit Gott.’[38]

[1]  Benedikt XVI., Leidenschaft für die Wahrheit. Augustinus (Augsburg 2009) 44.

[2]  Cf. Benedikt XVI., Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald (Freiburg 2010) 31.

[3]  Benedikt XVI. (Anmerkung 1) 55.

[4]  Ibidem 30; cf. 78.

[5]  Cf. ibidem 16-21, 79-84.

[6]  Augustinus, Confessiones X 38 [zitiert nach ‘Tusculum’ (Regensburg 2004)].

[7]  Ibidem I 1.

[8]  Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen (Stuttgart 1998) 177.

[9]  Cf. Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald (München 1996) 86.

[10] Benedikt XVI. (Anmerkung 1) 82-83.

[11] Ibidem 84.

[12] Benedikt XVI., Letzte Gespräche. Mit Peter Seewald (München 2016) 44.

[13] Benedikt XVI. (Anmerkung 1) 27.

[15] Joseph Kardinal Ratzinger (Anmerkung 8) 179-180.

[16] Joseph Kardinal Ratzinger (Anmerkung 9) 71.

[17] Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis. Mit einem neuen einleitenden Essay (München 2000) 90.

[18] Benedikt XVI., (Anmerkung 1) 27-28.

[19] Ibidem 59-60.

[20] Ibidem 65.

[21] Augustinus (Anmerkung 6) V 11).

[22] Benedikt XVI. (Anmerkung 1) 63.

[23] Cf. Alfred Läpple, Benedikt XVI. und seine Wurzeln. Was sein Leben und seinen Glauben prägte (Augsburg 2006) 57.

[24] Cf. Joseph Kardinal Ratzinger (Anmerkung 8) 61.

[25] Gedenkworte Ratzingers in der Totenmesse am 15. November 1971 — zitiert nach Läpple (Anmerkung 23) 81.

[26] Cf. Joseph Ratzinger, Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche. Unveränderter Nachdruck der Auflage von 1954 mit neuem Vorwort (Sankt Ottilien 1992) vii-viii.

[27] Ibidem passim 322-327.

[28] Cf. Benedikt XVI. (Anmerkung 1) 72.

[29] Joseph Ratzinger (Amerkung 26) passim xiii-xvii.

[30] Ibidem xix.

[31] Joseph Lam C. Quy, Theologische Verwandtschaft. Augustinus von Hippo und Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. (Würzburg 2009) 232-233.

[32] Cf. Benedikt XVI. (Anmerkung 1) 55.

[33] Wolfram Kinzig, ‘Der Pontifex und die Patres Ecclesiae’ in: Der Theologenpapst. Eine kritische Würdigung Benedikts XVI.. Herausgegeben von Jan-Heiner Tück (Freiburg im Breisgau 2013) (250-273) 256,258-259; cf. 250,257.

[34] Cf. ibidem 260,256.

[35] ibidem 273; cf. 272.

[36] Michael Fiedrowicz, ‘”Wahre Sterne, die aus der Ferne leuchten”‘ in: Der Theologenpapst (Amerkung 33) (237-249) 239,240; cf. 241,243-245.

[37] Benedikt XVI. (Anmerkung 12) 238.

[38] Benedikt XVI. (Anmerkung 1) 85. Cf. für Deus caritas est zum Beispiel 5,6,7,14,17,28,38. Cf. für Spe salvi zum Beispiel 11,14,15,28,29.