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Reform in kontinuität

1 november 2016 |  Antoine Bodar |  Ratzinger-studies

Antoine Bodar

REFORM IN KONTINUITÄT

Einige Feststellungen

I

Im Sommer 1958 erreichte Joseph Ratzinger  ein Ruf auf den fundamental-theologischen Lehrstuhl zu Bonn.

Sein Kommilitone aus Köln Hubert Luthe, der in München sein Freisemester verbracht hatte und dort gemeinsam mit Ratzinger ein Seminar über  die Bekenntnisse des Augustinus besucht hatte, war dann erzbischöflicher Kaplan und Geheimsekretär bei Josef Kardinal Frings. Luthe machte den einflussreichen Oberhirten von Köln und Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz auf seinen ehemaligen Studienfreud aufmerksam.[1]

Am 25. Januar 1959 kündigte Papst Johannes XXIII. vor zahlreichen Kardinälen in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern unerwartet die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils an. Seine Vorgänger Pius XI. und Pius XII. hatten über eine Wiedereröffnung des am 20. Oktober 1870 abgebrochenen (ersten) Vatikanischen Konzils zwar nachgedacht, aber letzlich darauf verzichtet.

Zur Vorbereitung des Konzils bereitete der Jesuitenpater Angelo d’Arpa  einen Vortragszyklus in Genua vor, für den er Kardinäle als Referenten gewinnen wollte.

Frings berichtet darüber 1973 in seinen Erinnerungen:

‘Er fragte mich, ob ich bereit sei, über das Konzil auf dem Hintergrund der Zeitlage im Unterschied zum Ersten Vatikanischen Konzil zu sprechen. Das Thema reitzte mich, und ich sagte zu. Aber ich sah, dass ich allein nicht im Stande sein würde, dieses Thema grundlegend zu besprechen.  In einem Gürzenich-Konzert [im Herzen Kölns] traf ich Professor Joseph Ratzinger, der […] sich bereits eines grossen und guten Ruf erfreute. Ich bat ihn, ob er mir bei der Bearbeitung dieses Themas behilflich sein wollte, und auch schien ihm diese Themenstellung zu reizen. Er lieferte mir bald einen Entwurf, den ich so gut fand, dass ich nur an einer Stelle eine Retuschierung vornahm.’[2]

Die Vorlesung dauerte gut dreiviertel Stunden und machte erheblichen Eindruck. Nach der Erinnerung von Luthe war die sogenannte ‘Genueser Rede’ des Kardinals Frings der Beginn der Zusammenarbeit zwischen Frings und Ratzinger.  Nach der Erinnerung von Ratzinger selbst hörte Kardinal Frings ‘einen Vortrag über die Theologie des Konzils an, zu dem mich die Katholische Akademie Bensberg eingeladen hatte, und verwickelte mich hernach in ein langes Gespräch, das zum Ausgangspunkt einer über Jahre währenden Zusammenarbeit wurde’.[3] Das war am 25. Februar 1961. In einem bisher wenig beachteten Radiointerview aus dem Jahr 1969 hat Ratzinger erzählt, dass ihn der Kardinal in der Konzertpause in Gürzenich — in Mai 1961 — auch nach seiner Bereitschaft gefragt habe, ihn bei der Vorbereitung des Konzils fachlich zu unterstützen.[4]

Kardinal Frings, als Mitglied der Zentralen Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom, wurde nach der vierten Sitzungswoche  am 23. Februar 1962 zu einer persönlichen Audienz zu Papst Johannes XXIII. bestellt.  Der heilige Vater ‘umarmte mich’, erinnert sich 1973 der Kardinal,  ‘und sagte: “Ich habe diese Nacht  Ihren Vortrag von Genua gelesen und wollte Ihnen meinen Dank sagen für diese schönen Ausführungen.”‘ Auf Frings’ Hinweis, der Vortrag stamme eigentlich von Ratzinger, habe der Papst geantwortet: Es komme darauf an, die richtigen Berater zu finden und ihre Vorarbeiten unterschreiben zu können.

‘Offensichtlich hat dieses Gespräch mit Johannes XXIII. Frings ermutigt, ab April 1962 Joseph Ratzinger als Berater für die anstehenden dogmatischen Texte in der Zentralkommission zuzuziehen.’[5] Am 30. April wurde er als persönlicher Berater vereidigt. Im Sommer desselben Jahres erhielte er auch den Band mit den sieben so genannten Konzilsschemata und arbeitete ihn in den beiden Septemberwochen sorgfältig durch.

Am 9. Oktober erreichte Kardinal Frings mit seinen beiden Begleitern die Urbs aeterna. Der Privatsekretär Hubert Luthe durfte mit päpstlichen Sondergenehmigung wegen der Erblindung des Kardinals als einziger Kaplan an den Beratungen des Konzils teilnehmen. Der Berater Joseph Ratzinger wurde nachher, am 30. November, zum offiziellen Konzilsberater — Peritus — bestellt.

Schon am nächsten Tag um 17.00 referierte Ratzinger über ‘die beiden Quellen der Offenbarung’ vor etwa fünfzig deutschen und deutschsprachigen Konzilsvätern im Priesterkolleg Santa Maria dell’Anima.[6]

Am 11. Oktober, anlässig der feierlichen Eröffnung des Konzils, legte Papst Johannes XXIII. das erste Ziel des Konzils aus:

‘Die Hauptaufgabe des Konzils liegt darin, das heilige Ueberlieferungsgut (depositum) der christlichen Lehre mit wirksameren Methoden zu bewahren und zu erklären.’

Das Konzil will die katholische Lehre rein, unvermindert und ohne Entstellung überliefern, so wie sie gleichsam ein gemeinsames Erbe der Menschheit geworden ist. Dieses Erbe wird als ein kostbarer Schatz angeboten.

‘Doch es ist nicht unsere Aufgabe, diesen kostbaren Schatz nur zu bewahren, als ob wir einzig und allein für das interessieren, was alt ist, sondern wir wollen jetzt freudig und furchtlos an das Werk gehen, das unsere Zeit erfordert, und den Weg fortsetzen, den die Kirche seit zwanzig Jahrhunderten zurückgelegt hat.’

Die Wahrheit des Herrn gilt in Ewigkeit. Aber im Lauf der Zeiten erheben sich die Irrtümer oft wie ein Morgennebel, den bald die Sonne verscheucht.

‘Die Kirche hat diesen Irrtümern zu allen Zeiten wiederstanden, oft hat sie sie auch verurteilt, manchmal mit grosser Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben.

Mithin:

— Das depositum fidei zweckdienlicher sowohl bewahren als erklären.

— Die katholische Lehre sowohl  bewahren als für diese Zeit auseinandersetzen.

— Irrtümer heilen mit Barmherzigkeit.

II

Jetzt haben wir eine Ahnung davon, wie der glänzende Priester-Theologe aus Bayern Peritus am Zweiten Vatikanischen Konzil geworden ist.

Im folgendem geht es nicht inhaltlich um das Konzil, sondern allein kurz darum ein wenig genauer bestimmen zu können, wie die Konzilsväter mit einander verkehrten — also nicht um das ‘was’ des Konzils, sondern um das ‘wie’ des Konzils. Und dies nur um die Position von Joseph Ratzinger besser verstehen zu können in der bleibenden Debatte über die Rezeption des Konzils. Denn diese Stellung ist bloss die Absicht dieses zweiten Abschnitts.

In der ersten Generalkongregation, am 13. Oktober 1962, stand die Wahl der Konzilskommissionen auf der Tagesordnung.  Zuerst Achille Kardinal Liénart von Lille und dann ausführlicher Josef Kardinal Frings von Köln stellten den Antrag, nicht sofort zu den Kommissionswahlen zu schreiten, damit man Zeit habe, in den Bischofskonferenzen  Kandidatenlisten zu prüfen und vorzuschlagen. Der Antrag wurde mit überwältigendem Beifall aufgenommen und zum Beschluss erhoben. Das Konzil bekundete sofort seinen Willen, nach eigenem Ermessen und Gewissen seine Entscheidungen zu treffen und nicht einfach zu approbieren, was ihm von der Seite der Kurie vorgeschlagen oder vorgelegt wurde. [7]

‘Das war eigentlich der erste Paukenschlag zu Konzilsbeginn. Wenn man überlegt, war es auch wieder gar nicht so rabiat.’ So reagierte Ratzinger ein Vierteljahrhundert später. ‘Das man versucht, selber geeigneten Kandidaten ausfindig zu machen, ist normal.’[8]

Die am 14. November begonnene lange Debatte über das von der Theologischen Kommission ausgearbeitete Schema über die Quellen der Offenbarung (De fontibus revelationis) lehnte ein Teil der Väter zugleich vollständig ab und sie hatten bereits ein neues vorbereitet. Unter ihnen die Kardinäle Frings, Döpfner, König, Alfrink. Eine völlig neue Erarbeitung des Textes war zum Schluss das Ergebnis.

Damals schon in den ersten Konzilswochen fing man in der Öffentlichkeit an zu reden über ‘Traditionalisten’ und ‘Progressisten’ und über Gruppierungen als ‘Parteien’. Die Gegensätze waren schon hart aufeinandergeprallt.[9]

Am 10. November 1964, in der fast beendeten dritten Sitzungsperiode, bekamen die Konzilsväter eine Nota praevia explicativa (eine ‘erklärende Anmerkung’), die die Veränderungsvorschlägen zu der Kirchekonstitution vorausgeschickt war. Was war der Fall? Das dritte Kapitel (über die Hierarchie der Kirche) war noch immer umstritten. In der Nota wurde besonders das Verhältnis von Papst und Bistumskollegium erklärt: Jede Beeinträchtigung der Lehre vom päpstlichen Primat durch die im 3. Kapitel entwickelte Lehre  vom Bischofskollegium  sollte ausgeschlossen. Der Papst kann auch ohne das Bischofskollegium seine Vollmacht zu lehren und zu leiten ausüben, das Kollegium der Bischöfe aber nicht.

Die ‘Anmerkung’ gab viel Aufregung unter den Vätern. Das Bedenkliche lag nicht  im Inhalt, sondern in der Form, in der die Nota verordnet wurde.

Man sprach in der Öffentlichkeit von der ‘Novemberkrise’ und in der Presse von der ‘Schwarzen Woche’.[10]

Über dem Jahr 1964 schreibt Joseph Ratzinger in seine Erinnerungen: ‘Von Mal zu Mal fand ich, aus Rom [in Deutschland] zurückkehrend, die Stimmung in der Kirche und unter den Theologen aufgewühlter. Immer mehr bildete sich offenbar der Eindruck, dass eigentlich nichts fest sei in der Kirche, dass alles zur Revision stehe. Immer mehr erschien das Konzil wie ein grosses Kirchenparlament, das alles ändern und alles auf seine Weise neu gestalten könne. […] Auch wenn in Deutschland im grossen und ganzen noch immer eine fast ungeteilte Zustimmung zu den Kräften der Erneuerung bestand, so begannen sich die Spaltungen, die dem Konzil nachgesagt wurden, doch allmählich auch in der kirchlichen Landschaft der Heimat abzuzeichnen.’[11]

Drei Tage nach der Ankündigung auf das Amt des Bischofs von Rom verzichten zu wollen, am 14. Februar 2013, hielt Papst Benedikt XVI. eine Ansprache an den römischen Klerus über das Zweite Vatikanische Konzil und sprach dann nahezu zum Schluss über ‘das Konzil der Väter — das wahre Konzil’ und über ‘das Konzil der Medien’: ‘Das Konzil, das mit unmittelbarer Wirkung beim Volk angekommen ist, war also das der Medien, nicht das der Väter. Und während das Konzil der Väter sich  innerhalb des Glaubens vollzog […] innerhalb des Glaubens bewegte, als fides quaerens intellectum , entfaltete sich das Konzil der Journalisten natürlich nicht im Glauben, sondern in den Kategorien der heutigen Medien, also ausserhalb des Glaubens, mit einer anderen Hermeneutik. Es war eine politische Hermeneutik: Für die Medien war das Konzil ein politischer Kampf, ein Machtkampf zwischen verschiedenen Strömingen in der Kirche . Selbstverständlich haben die Medien für jene Partei ergriffen, die ihnen zu ihrer Welt am besten zu passen schien.[12]

III

In seinem Büchlein Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode, erschienen in 1965, spricht Ratzinger ‘ganz ungeschminckt von der “grossen Ernüchterung”, die sich unter den Konzilsvätern breit machte, da sie ihre anfangs gegenüber der Kurie errungene Freiheit wider schwinden sahen’. So der  Priester-Theologe Manuel Schlögl.[13] Klar ist, dass auch bei Ratzinger die ‘Schwarze Woche’ in der Konzilsaula ernste Besorgnis ausgelöst hat.  Aber kurz nachher begründete er die sachliche Berechtigung der päpstlichen Weisung  ausführlich. Er wechselte ohne Absicht die Fronten, die sich in der medialen Berichterstattung  und zunehmend auch unter den Konzilsteilnehmern gebildet hatten. ‘Fortan gilt Ratzinger als Parteigänger der Kurie und des Papstes.’

‘Wenn die Novembertage des Jahres 1964 eine desillusionierende Erkenntnis brachten, dann die, dass geschichtliche Vorgänge Zeit brauchen. […] Das Konzil und mit ihm die Kirche ist auf dem Weg. Es gibt keinen Grund zur Skepsis und zur Resignation. Aber wir haben allen Grund zur Hoffnung, zur Frohgemutheit, zur Geduld.’ So Ratzinger selbst in jener Zeit.[14]

Die sogenannte ‘Wende’ des Konzilstheologen Ratzinger ist wahrscheinlich schon in jener Zeit geschehen und nicht erst nach dem Konzil in 1965/1966 oder gar nicht erst in 1968/1969, als er aus Tübingen wegging. Ratzingers Beweggrund war vielmehr die innere Konsequenz ‘aus einer “Unterscheiding der Geister” als der Besinnung auf die eigene Lebensbindung an Christus und seine Kirche’.[15]

Am 25. November 1981 wurde Joseph Kardinal Ratzinger von Papst Johannes Paulus II.  zum Präfekten der Glaubenskongregation ernannt.

In August 1984 liess er in einem Interview wissen, dass für ihn ‘die Verteidigung der wahren Tradition der Kirche heute Verteidigung des Konzils’ heisst: ‘Es ist auch unsere Schuld, wenn wir bisweilen (sowohl nach “rechts” als auch nach “links”) Anlass gegeben haben zu denken, das II. Vatikanum sei ein “Bruch”, ein Verlassen der Tradition gewesen. Hingegen gibt es eine Kontinuität, die weder Rückkehr ins Vergangene noch Flucht nach vorn, weder anachronistische  Sehnsüchte noch ungerechtigtfertigte Ungeduld erlaubt. Und wir müssen dem Heute der Kirche treu bleiben, nicht dem Gestern oder dem Morgen: Und dieses Heute der Kirche  sind die authentischen Dokumente des II. Vatikanums, ohne Vorbehalte, durch die sie verkürzt werden, und ohne Eigenmächtigkeiten, durch die sie entstellt werden.’[16]

Im Interviewbuch von 1996 Salz der Erde hat der Prefekt — der mittlerweile so genannte Pantzerkardinal — wieder einmal auf das Konzil zurückgeblickt — sich vergewissernd, dass es heute vor allem die ‘progressiven’ Leute sind, die von einem ‘Winter der Kirche’ sprechen: ‘Erstens hatten wir uns zweifellos zu viel erwartet. Die Kirche können wir eben nicht selber machen.’ So Ratzinger. ‘Das zweite ist, dass zwischen dem, was die Väter wollten, un dem, was der Öffentlichkeit vermittelt worden ist und was dann das allgemeine Bewusstsein geprägt hat, doch ein bedeutender Unterschied bestanden hat.’ Mehr und mehr bildete sich der Eindruck, Reform bestände ‘nun nicht in einer Radikalisierung des Glaubens, sondern in irgendeiner Art von Verdünnung des Glaubens’. Es gibt zwei Konzepte von  Reformen: Das eine ist mehr auf äussere Fakoren zu verzichten, um so mehr aus dem Glauben zu leben. ‘Das andere besteht darin, Geschichte bequemer zu machen, um das einmal fast karikatural zu sagen.’[17]

Beim Weihnachtsempfang, am 22. Dezember 2005, verweilte Papst Benedikt XVI. unter mehr bei dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils vor vierzig Jahren:

‘Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem grossen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils […] von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, dass zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen[…]. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich “Hermeneutik der Diskontinuität  und des Bruches” nennen möchte; sie hat nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die “Hermeneutik der Reform”, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität. […] Die Hermeneutik der Diskontinuität birgt das Risiko eines Bruches zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Kirche in sich. Ihre Vertreter behaupten, dass die Konzilstexte als solche noch nicht wirklich den Konzilsgeist ausdrückten. […] Mit einem Wort, man solle nicht den Konzilstexten, sondern ihrem Geist folgen. Unter diesen Umständen entsteht natürlich ein grosser Spielraum für die Frage, wie dieser Geist denn zu umschreiben sei, und folglich schafft man Raum für Spekulationen.’

Drei Fragenkreise hatten sich gebildet, die zur Zeit des Konzils auf eine Antwort warteten: Das Verhältnis von Glauben und modernen Wissenschaften (inklusiv Geschichtswissenschaft). Das Verhältnis von Kirche und modernem Staat. Das Problem der religiösen Toleranz.  Diese Kreise waren die grossen Themen der zweiten Konzilshälfte. In all diesen Bereichen konnte eine Art Diskontinuität entstehen. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, dass in den Grundsätzen die Kontinuität nie aufgegeben worden war.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat ‘einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert, aber trotz dieser scheinbaren Diskontinuität hat sie ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft’. So Papst Benedikt XVI. in 2005.[18]

Fünfzig Jahren nach der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Schülerkreis des Theologenpapst Joseph Ratzinger sein jährliches Treffen in Castelgandolfo dem rechten Verständnis und der rechten Rezeption des Konzils gewidmet. Kurt Kardinal Koch sprach bei jener Gelegenheit über ‘die Hermeneutik der Reform zwischen der Hermeneutik bruchhafter Diskontinuität und der Hermeneutik ungeschichtlicher Kontinuität’.

Die Traditionalisten vertreten eine Hermeneutik einer reinen und geschichtslosen Kontinuität, so Koch, aber als Bruch versteht freilich auch umgekehrt die progressistische  Seite das Zweite Vatikanische Konzil. ‘Beide [Strömungen] kommen nicht nur in ihrem extremen unkirchlichen Subjektivismus überein, sondern beide betrachten auch das Konzil selbst als Traditionsbruch. Der Unterschied besteht nur darin , dass die Progressisten den Bruch mit dem Konzil und die Traditionalisten vor dem Konzil ansetzen. […] Im Licht der Hermeneutik der Reform is das Zweite Vatikanische Konzil weder Endpunkt der bisherigen Tradition noch Ausgangspunkt  von etwas ganz Neuem […] Es handelt sich vielmehr stets um die gleiche Kirche, die aber immer wieder der Erneuerung bedarf […][19]

Zum Schluss:

In 2014 befürwortete der Theologe Roman A. Siebenrock nicht mehr zu sprechen von der ‘Hermeneutik der Reform’, sondern von der ‘Hermeneutik der Wandlung’.

‘Die Diskussion um das rechte Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils scheint mit der Begrifflichkeit von Kontinuität und Diskontinuität, auf der das berechtigte Anliegen einer “Hermeneutik der Reform” aufbaut, deshalb nicht hinreichend erfasst werden zu können, weil diese Kategorien ungeeignet sind, jenen lebendigen Prozess in der Geschichte zu verstehen, der den Weg der Glaubensgemeinschaft auszeichnet. Vor allem gelingt es nicht, Neues in der Geschichte zu würdigen. […]

Eine ‘Hermeneutik der Wandlung’ sieht Erneuerung und Reform als Normalfall des christlichen Lebens an. Mir scheint, dass eine “Hermeneutik der Reform” auf ein weniger dramatisches Programm abzielt. In einer “Hermeneutik der Wandlung” stehen auch die institutionellen und strukturellen Massstäbe unter dem Primat des Evangeliums, das in diesem Prozess, der Irren und Hoffen impliziert, neu entdeckt werden will.’[20]

So viel ist mir jetzt doch schon deutlich:

Ich glaube nicht daran, dass es in Ratzingers Theologen-Leben ein Bruch gegeben hat, so wie seine Gegner gerne verstehen, und dass er sich nicht erst in seiner Zeit in Tübingen, nach der Studentenrevolten von 1968, geändert hat, wie Hans Küng  kräftig behauptet.[21]

Ich glaube an Joseph Ratzinger als denjenigen, der immer schon getröstet worden ist von der Tatsache, ‘dass der Herr auch mit ungenügenden Werkzeugen zu arbeiten und zu wirken weiss’.[22]

Ratzingers Grundimpuls war immer ‘den eigentlichen Glaubenskern freizulegen und diesem Kern Kraft und Dynamik zu geben’. Dieser Impuls ist die konstante seines Lebens.[23]

[1] Cf. Manuel Schlögl, Joseph Ratzinger in Münster 1963-1966 (Münster 2012) 67.

[2] Cf. Norbert Trippen, Josef Kardinal Frings (1887-1978) Band II ‘Sein Wirken für die Weltkirche und seine letzten Bischofsjahre’ (Paderborn 2005) 240-241.

[3] Joseph Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen (Stuttgart 1998) 100.

[4] Cf. Manuel Schlögl, Am Anfang eines grossen Weges. Joseph Ratzinger in Bonn und Köln (Regensburg 2014) 75-77.

[5] Trippen (Anmerkung 2) 262.

[6] Cf. Schlögl (Anmerkung 1) 68,71-72. Cf. auch Joseph Ratzinger, ‘Bemerkungen zum Schema De fontibus revelationis’ (MIPB 2009) 36-48.

(Verfasser dieses lebt in der Anima, kennt die Geschichte des Instituts und lässt darum die ‘Herrlichkeit’ dieses Kollegs ausser Betracht.)

[7] Cf. Giovanni Caprile SJ, Chronik des Konzils in: LThK, ‘Das Zweite Vatikanische Konzil’ Band III (Freiburg 1968) 631 & Hubert Jedin, Kleine Konziliengeschichte. Mit einem Beitrag über das Zweite Vatikanische Konzil (Freiburg 1959) 140-141.

[8] Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald (München 1996) 76.

[9] Cf. Jedin (Anmerkung 7) 141,143-144.

[10] Cf. Jedin (Anmerkung 7) 163-164 & Schlögl (Anmerkung 1) 84-85 & Caprile (Anmerkung 7) 645.

[11] Ratzinger (Anmerkung 3) 134-135.

[12] www.vatican.va Benedikt XVI. (Ansprachen) 14 II 2013.

[13] Schlögl (Anmerkung 1) 85  (auch für die Folge).

[14] Joseph Ratzinger, Ergebnisse und Probleme der dritten Konzilsperiode (Köln 1965) 50.

[15]  Cf. Hansjürgen Verweyen, Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.. Die Entwicklung seines Denkens (Darmstadt 2007) 39-42. Cf. auch Schlögl (Anmerkung 1) 86.

(Die immer andauernde Polemik von Hans Küng mit Joseph Ratzinger bleibt hier ausser Betracht; darüber ist eine ganze Dissertation zu schreiben, obwolh wir schon das Buch met dem klaren Titel haben: Freddy Dewahl, Der mit dem Fahrrad und der mit dem Alfa kam. Benedikt XVI. und Hans Küng — ein Doppelporträt (München 2006).)

[16] Joseph Ratzinger, Zur Lage des Glaubens. Ein Gespräch mit Vittorio Messori [1985 aus dem italienischen übersetzt] (München 2006) 30-31.

[17] Ratzinger (Anmerkung 8) 79-80.

[18] www.vatican.va Benedikt XVI. (Ansprachen) 22 XII 2005. Cf. auch Koch (Anmerkung 17) 9-15.

[19] Papst Benedikt XVI. und sein Schülerkreis. Kurt Koch, Das Zweite Vatikanische Konzil. Die Hermeneutik der Reform (Augsburg 2012) 31-34.

[20] Roman A. Siebenrock, ‘Siehe, ich mache alles neu! – Hermeneutik der Wandlung’ in: Christoph Böttigheimer (Hg.), Zweites Vatikanisches Konzil. Programmatik – Rezeption – Vision (Freiburg 2014) 135,137.

(Warten wir jetzt auf die Hermeneutik der Hermeneutiken des Konzils?)

[21] Cf. Hans Küng, Umstrittene Wahrheit. Erinnerungen (München 2007) 168-169.

[22] Benedikt XVI., Apostolischer Segen Urbi et Orbi, www.vatican.va (Ansprachen) 19 IV 2005.

[23] Ratzinger (Anmerkung 8) 84.