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Logos und Dia-Logos

1 november 2016 |  Antoine Bodar |  Ratzinger-studies

Antoine Bodar

LOGOS UND DIA-LOGOS

I

In seiner 2000 geschriebenen neuen Einleitung zum 1968 zum ersten Mal erschienenen Buch Einführung in das Christentum spricht Joseph Ratzinger über die Entstehung der Relativierung der einzelnen Religionen, in denen es doch nur  um die Berührung mit dem Unnennbaren, mit dem verborgenen Geheimnis, gehen könne. Dass wir Gott nicht selber erkennen können, das ist gerade eine Grundgewissheit des modernen Menschen. Der christliche Glaube wird darum durch einen solchen Relativierungsprozess entscheidend verändert. Die Gestalt Christi wird vollständig neu gedeutet: ‘Christus wird aus dem Menschen, der Gott ist, zu einem, der Gott in besonderer Weise erfahren hat.’ Und der Gottesbegriff wird grundlegend verändert: ‘Die Frage, ob Gott als Person oder apersonal zu denken sei, scheint nun zweitrangig.’

Religion ist wieder entdeckt worden, aber nur noch als Erlebnis und damit als die Suche nach der ‘mystischen’ Seite der Religion. Die mystische Dimension des Gottesbegriff muss auch unser Denken und unser Glauben bestimmen: ‘Gott ist ganz konkret geworden in Christus, aber so ist auch sein Geheimnis noch grösser geworden.’ Immer werden wir ermahnt, dem Geheimnis Gottes in seiner Unbegreiflichkeit zu trauen.

Vom Johannes-Prolog her steht dennoch der Begriff des Logos im Mittelpunkt unserer christlichen Gottesglaubens: ‘Logos heisst Vernunft, Sinn, aber auch Wort — ein Sinn also, der Wort ist, der Beziehung ist, der schöpferisch ist. […] Die Welt kommt aus der Vernunft, und diese Vernunft ist Person, ist Liebe — das ist es, was uns der biblische Glaube über Gott sagt.’[1]

Kurz vorher, in 1998, hat Papst Johannes Paulus II.  die Enzyklik Fildes et Ratio publiziert: ‘Über das Verhältnis von Glaube und Vernunft’.

‘Seit Erschaffung der Welt wird seine [Gottes] unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.’ So Paulus (Rom 1,20). Infolge des Ungehorsams des Menschen ist die Leichtigkeit des Aufstiegs zum Schöpfergott verloren gegangen. Und damit wurde die Vernunft zunehmend ‘Gefangene ihr selbst’. Das Kommen Christi war das Heilsereignis, das die Vernunft, ‘in denen sie sich selbst gefesselt hatte’, befreit. (FR 22)

Das Wort Gottes lädt die Philosophie ein, sich für die Suche nach der natürlichen Grundlage des umfassenden Sinnes des Lebens einzusetzen. Und diese ist die Religiosität, ‘die jedem Menschen als Person eigen ist’. (FR 81) Es geht um ‘eine Philosophie die auf das Sein des Erkenntnisgegenstandes selbst gerichtet ist’. ‘Daher gilt eine zweite Forderung: Überprüfung der Fähigkeit des Menschen, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen.’ (FR 82)

Im gleichen Jahre 2000 publiziert die Kongregation für die Glaubenslehre, dessen Prefekt Kardinal Ratzinger dann ist, die Erklärung Dominus Iesus mit drei Kapiteln über Jesus: ‘Fülle und Endgültigkeit der Offenbarung Jesu Christi’ (I), ‘Der Fleischgewordene Logos und der Heilige Geist im Heilswerk’ (II) und ‘Einzigkeit und Universalität des Heilsmysteriums Jesu Christi’ (III).

Oft wird der ‘theologale Glaube’ gleichgesetzt mit der inneren Überzeugung in den anderen Religionen. ‘Darin liegt einer der Gründe für die Tendenz, die Unterschiede zwischen dem Christentum und den anderen Religionen einzuebnen, ja manchmal aufzuheben.’ (I 7) ‘In der gegenwärtigen theologischen Diskussion wird Jesus von Nazareth oft als eine besondere historische Gestalt angesehen, die begrenzt ist […] das letzte Mysterium Gottes zeige sich der Menschheit in vielen Weisen und in vielen historischen Gestalten, Jesus von Nazareth sei eine von ihnen.’ Er sei eines von den vielen Gesichtern, das der Logos im Laufe der Zeit angenommen habe. Man unterscheidet zwischen einer Heilsordnung des ewigen Wortes, die universal ist, und einer Heilsordnung des fleischgewordenen Wortes, nur anwesend in Jesus von Nazareth und so nur in der Kirche. (II 9)

Es gibt eine  einzige göttliche Heilsordnung: ‘Was immer der Geist im Herzen der Menschen und in der Geschichte der Völker, in den Kulturen und den Religionen bewirkt, hat die Vorbereitung der Verkündigung zum Ziel und geschieht in bezug auf Christus, das durch das Wirken des Geistes fleischgewordene Wort.’ (II 12)

‘Nicht selten wird der Vorschlag gemacht, in der Theologie Ausdrücke wie “Einzigkeit”, “Universalität” oder “Absolutheit” zu vermeiden’, denn sonst werden die Bedeutung und der Wert des Heilsereignisses Jesu Christi zu viel betont. Demgegenüber muss man sagen, ‘dass Jesus Christus für das Menschengeschlecht und seine Geschichte eine herausragende und einmalige, nur ihm eigene, ausschliessliche, universale und absolute Bedeutung und Wichtigkeit hat. Jesus ist nämlich das Wort Gottes, das für das Heil aller Mensch geworden ist. […] Der Herr ist das Ziel der menschlichen Geschichte […] der Mittelpunkt der Menschheit.’ (III 15)

Wenn Gott nicht in Christus und damit ein Gott mit uns ist , dann ist er ein abwesender Gott und damit eigentlich kein Gott. Deswegen muss ‘eine Erneuerung der Christologie den Mut haben, Christus in seiner ganzen Grösse zu sehen’, so Ratzinger im neuen einleitenden Essay zur Einführung in das Christentum.[2]

Über den Primat des Logos (im Buch selbst von 1968) schreibt Ratzinger in einer ziemlich Hegelianerischen Sprache: ‘Christlicher Glaube an Gott bedeutet zunächst die Entscheidung für den Primat des Logos gegenüber der blossen Materie.’ Der Glaube bedeutet eine Entscheidung dafür, dass alles des Herrn Produkt des Gedankens, ‘ja in seiner innersten Struktur Gedanke ist’.  In dieser Entscheidung zur gedanklichen Struktur des Seins ist zugleich der Schöpfungsgedanke mit gesetzt.  Der objektive Geist ist Abdruck und Ausdruck von subjektivem Geist und die geistliche Struktur ist Ausdruck eines schöpferischen Vordenkens. ‘Zu sagen “Credo in Deum — Ich glaube an Gott”  drückt die Überzeugung aus, dass objektiver Geist Ergebnis subjektiven Geistes ist’, dass Gedachtsein nicht ohne Denken möglich ist. Christlicher Glaube an Gott bedeutet, dass die Dinge Gedachtsein von einem schöpferischen Bewusstsein, ‘von einer schöpferischen Freiheit her’ sind.[3]

Im Rahmen der Liturgie sagt Ratzinger später ganz einfach und schön dies: ‘Der Logos der Schöpfung, der Logos im Menschen und der wahre, menschgewordene ewige Logos — der Sohn — treffen einander [in der Liturgie].’[4]

II

Die philosophische Form der Trinitätslehre sei Ausdruck der geschichtlichen Seite Gottes, also wie Gott geschichtlich erscheint. Die radikale Durchführung dieser Gedanken bei Hegel und auch Schelling bringt die Konsequenz, dass dieser Prozess sich nicht mehr von einem dahinter ruhend in sich bleibenden Gott unterscheiden lässt. Das würde bedeuten, dass der Logos — der Sinn alles Seins —  erst in der Geschichte zu sich selber gebiert. Die Vergeschichtlichung der Trinitätslehre wird so zur Vergeschichtlichung Gottes.

Die kirchliche Form der Trinitätslehre lässt sich nur  negativ rechtfertigen. Wir verzichten aufs Begreifenwollen und lassen die Lehre als unbegriffen da stehen.[5]

Den Hinweis-Charakter auf das Unsagbare der Trinität erläutert Ratzinger dann in drei Thesen: ein Wesen in drei Personen (1), zum Begriff der Person (2), die Absolutheit des Beziehentlichen (3).

Ad 1)  Christliche Bekenntnis zu Gott als dem Dreieinigen bedeutet die Überzeugung, dass die Gottheit jenseits unserer Kategorien von Vielheit und Einheit liegt.  Aber nicht nur die Einheit ist göttlich, auch die Vielheit  ist etwas Ursprüngliches und hat in Gott selbst ihren inneren Grund. Sie entspricht der schöpferischen Fülle  des Gottes , der selbst über Vielheit und Einheit stehend beides umgreift. ‘Die massgebende Höchstform von Einheit ist jene Einheit, welche die Liebe schafft.’

Ad 2)  Das griechische Wort Prosopon heisst wörtlich ‘Hinblick’, mit der Partikel ‘pros = zu – hin’ schliesst es die Bezogenheit als etwas Konstitutives aus. ‘In chiffierter Weise sagt es aus, dass die Personhaftigkeit Gottes das menschliche Personsein unendlich übersteigt.’

Ad 3)  Absolut gesehen ist Gott nur Einer; die Einheit liegt auf der Substanzebene. Es gibt auch ein Wir in Gott; es gibt ein Ich und Du in ihm. ‘Mit der Einsicht, dass Gott substantial gesehen Einer ist, dass es aber in ihm das Phänomen des Dialogischen, der Unterschiedenheit und Bezogenheit des Gesprächs gibt, erhielt für das christliche Denken die Kategorie der Relatio eine völlig neue Bedeutung.’ Also ist Gott nicht nur Logos, sondern auch Dia-logos. ‘Nun wird klar, dass neben der Substanz der Dialog, die Relatio, als eine gleichermassen ursprüngliche Form des Seins steht.’

In dem einen und unteilbaren Gott gibt es das Phänomen des Dialogs, des Zueinander von Wort und Liebe.  Die drei Personen Gottes sind die Wirklichkeit von Wort und Liebe in ihrer inneren Zugewandtheit aufeinander hin. Sie sind das Bezogensein des, dessen reine Aktualität die Einheit des höchsten Wesens ausmacht. Vater wird er nur in in der Beziehung zum Sohn hin genannt. ‘Vater’ ist ein reiner Beziehungsbegriff. ‘Person ist die reine Relation der Bezogenheit, nichts sonst.’ Die erste Person — ‘sie ist die Tat des Zeugens, des Sich-Hingebens und Ausströmens. Sie ist mit dem Akt der Hingabe identisch.’ In Gott gibt es nur Substanz und  Relation — nach Augustinus. So Ratzinger.[6]

‘Von mir selbst aus kann ich nichts tun’, sagt Jesus (Joh 5,30); ‘ich richte, wie ich es [vom Vater] höre.’ Da Christus eben Sohn ist, kann er nur von dem her wirken, von dem aus er überhaupt ist. Der Begriff ‘Sohn’ ist ein Relationsbegriff. Johannes stellt seine ganze Christologie in den Zusammenhang des Relationsgedankens. ‘Ich und der Vater sind eins.’ (Joh 10,30) Indem Jesus Sohn benannt und damit ‘relativ’ gemacht wird auf den Vater hin, ergibt sich von selbst die totale Rückbezogenheit Christi auf den Vater. ‘Gerade weil er nicht in sich steht, steht er in ihm, ständig eins damit.’

‘Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen’, sagt Jesus den Jüngern (Joh 15,5). Die christliche Existenz mit Christus wird unter die Kategorie der parallele Beziehung gestellt.

‘”Sohn” bedeutet für Johannes das Sein-vom-andern-her […] ein Sein vom andern her und auf die andern hin, als ein Sein, das ganz und gar nach beiden Seiten geöffnet ist.’ Dieses Sein ist reine Beziehung. Und so heisst Christsein für Johannes: ‘Sein wie der Sohn, Sohn werden, also nicht auf sich und nicht in sich stehen, sondern ganz geöffnet leben im “Von-her” und “Auf-zu”.’[7]

Durch die Anwendung des Begriffs ‘Logos’ auf Jesus von Nazareth erhält dieser Begriff eine neue Dimension. Der, der hier ist, ist ‘Wort’. Der Begriff ‘Logos’ wandelt sich hier wirklich zu ‘Wort’. Damit ist Christus die reine Beziehung vom Sprechenenden her auf die Angesprochenen zu. ‘So ist Logos-Christologie als Wort-Theologie abermals Eröffnung des Seins auf den Gedanken der Beziehung hin.’[8]

‘Ich glaube an Christus Jesus’ — das heisst: Bei Jesus ist es unmöglich Amt und Person zu unterscheiden. ‘Die Person ist das Amt, das Amt ist die Person.’ Er hat sich selbst in sein Wort hingegeben. ‘Er ist Wort.’

‘Die Person Jesu ist seine Lehre, und seine Lehre ist er selbst. Christlicher Glaube, das heisst Glaube an Jesus als den Christus, ist deshalb wahrhaft “personaler Glaube”.’[9]

‘Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.’ (Ps 2,7)

Wahrscheinlich im Rahmen des Auferstehenglaubens ist dieses Psalmwort zuerst auf Jesus angewendet worden. Die Anwendung besagt, dass man die Königshoffnung Israels in dem am Kreuz Gestorbenen und für das Auge  des Glaubens Auferweckten erfüllt weiss. Sie bedeutet die Überzeugung, dass der Gekreuzigte selbst in den Tod für andere ging, der das Sein für die andern war, wie das Kreuz es zeigt: Dienst für die andern. Die Sohn-Gottes-Idee bezeichnet ‘Jesus als den wahren Erben des Alls, als den Erben der Verheissung, in dem sich der Sinn des Davidstheologie erfüllt’. Zugleich wird sichtbar, dass die Königsidee sich mit der Knechtsidee verschränkt. Die Übergänglichkeit von Sohn und Knecht, von Herrlichkeit und Dienst hat im Philipperbrief (2,5-11) ihre grossartigste Formulierung gefunden: Christus habe sich ‘ausgeleert’, das Sein-für-sich aufgebend, und eben darin der Herr des Alls, des ganzen Kosmos geworden. ‘Derjenige, der gar nicht an sich festhält, sondern reine Beziehung ist, fällt darin mit dem Absoluten zusammen und wird so zum Herrn.’[10]

Der Titel ‘Sohn Gottes’ ist der jüdischen Messianologie entnommen, die Gebetsanrede ‘Abba — Vater’ von Jesus als Sohn ist unendlich viel persönlicher und tiefer. ‘Abba’ ist eine Formel des intimen Zueinander, die im Judentum die Möglichkeit ausschloss das Wort auf Gott zu beziehen. Diese Anrede findet die ihr innerlich angemessene Entsprechung in der Selbstbenennung Jesu als Sohn und hat Johannes in den Mittelpunkt seines Evangeliums gestellt. Die Benennung Jesu als Sohn ist Ausdruck der totalen Relativität seiner Existenz — als ‘Sein von’ und ‘Sein für’. Und in dieser Totalrelativität fällt er mit dem Vater ineins: ‘Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.’ (Joh 14,9) Darin deckt sich der Titel ‘Sohn’ mit den Bezeichnungen ‘das Wort’ und der ‘Gesandte’. Der Kern dieser Sohneschristologie des Johannes liegt in der Identität von Werk und Sein, von Tat und Person, im totalen Aufgehen der Person in ihrem Werk, die sich in ihrem Werk ganz gibt. Das Sein Jesu ist selber Dienst. Und gerade darin ist es Sohnsein. ‘Sein Sein ist reine actualitas des ‘Von’ und ‘Für.’[11]

III

‘Was die Hörer und Leser der Einführung des Christentums seit 1968 begeistert hat’, so Kardinal Schönborn bei der Vorstellung des Buches Jesus von Nazareth (I) am 13. April 2007 im Vatikan, ‘das hat durch seinen Hirtendienst noch gewonnen’: ‘Im Grunde ist das ganze Buch von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. ein einziger , “symphonischer” Versuch, die “Stimmigkeit” der Gestalt Jesu als des Einzigen, der unbeschränkt Gott unmittelbar ist, zu erweisen.’[12]

Es ist ‘ ein wissenschaftlich fundiertes und doch ein frommes Buch, ein unaufgeregt missionarisches Buch, wie wir es heute brauchen.’ So Kardinal Lehman bei der Vorstellung am nächsten Tag in Mainz: ‘Wie Joseph Ratzinger versucht und wie weit es ihm gelingt, die historisch-kritische Methode zu respectieren, gleichzeitig aber doch über sie hinauszugehen, dies wird die wissenschaftliche Diskussion der nächsten Monate intensiv beschäftigen. Es gehört viel Mut zu diesem Wagnis.’[13]

Band II des Jesus-Buches ist 2010 erschienen, der Prolog 2012.

Die Debatte, worauf wir hier nicht eingehen, ist nicht ausgeblieben. Nur im deutschen Sprachraum erschienen bis jetzt (wenigstens) vierzehn Bücher.[14]

Zu dem Jesus-Buch ist Joseph Ratzinger lange innerlich unterwegs gewesen. In den dreissiger und vierziger Jahren hatte es eine Reihe begeisternder Jesus-Bücher gegeben, worin von den Evangelien her das Bild Jesu Christi gezeichnet  worden war. Seit der fünfziger Jahren änderte sich diese Situation: ‘Der Riss zwischen dem “historischen Jesus” und dem “Christus des Glaubens” wurde immer tiefer, beides brach zusehends auseinander.’ Die Fortschritt der historisch-kritischen Forschung führten zu immer verfeinerten Unterscheidungen zwischen Traditionsschichten, hinter denen die Gestalt Jesu immer mehr an Kontur verlor. Ratzinger hat sein dreibändiges Buch von Jesus’ Gemeinschaft mit dem Vater her geschrieben; denn die ist die eigentliche Mitte seiner Persönlichkeit, von der her Christus uns auch heute gegenwärtig wird.[15]

Die historisch-kritische Methode bleibt von der Struktur des christlichen Glaubens her unverzichtbar. Aber sie schöpft den Auftrag der Auslegung für den nicht aus, der in den biblischen Schriften die eine Heilige Schrift sieht und sie als von Gott inspiriert glaubt.  Dazu kommt, dass die historisch-kritische Methode ihre Grenzen hat und dass man das einsehen soll. ‘Gerade die Genauigkeit in der Auslegung des Gewesenen ist ihre Stärke und ihre Grenze.’ Die Einheit all der Schriften als ‘Bibel’ ist für sie kein unmittelbar historisches Datum. Aber wer die Schrift in dem Geist verstehen will, in dem sie geschrieben ist, müsse auf Inhalt und Einheit der ganzen Schrift achten. Man müsse dabei auch der lebendigen Überlieferung der ganzen Kirche und der Analogie des Glaubens Rechnung tragen (DV 12). Die christologische Hermeneutik setzt natürlich einen Glaubensentscheid  voraus.[16] Aber dieser Entscheid trägt Vernunft in sich und ermöglicht es, die innere Einheit der Schrift zu sehen. ‘Kanonische Exegese’ ist eine wesentliche Dimension der Auslegung, die zur historisch-kritische Methode nicht in Widerspruch steht. Ratzinger hat versucht ‘den Jesus der Evangelien, als den wirklichen Jesus, als den “historischen Jesus” im eigentlichen Sinn darzustellen’.[17]

Einen ersten Blick auf das Geheimnis Jesu stellt Ratzinger 2006 seine Jesus-Trilogie als Einführung voran. Diese hat er 2001 vorbereitet in dem Aufsatz ‘Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen’ (Joh 19,4). Das Antlitz Christi in der Heiligen Schrift.

Wie kann man Christus sehen und so sehen, dass man dabei den Vater sieht? ‘Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird’, sagt Jesus Andreas und Philippus bei seinem königlichen Einzug in Jerusalem (Joh 12,23-24): ‘Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.’ Die Verherrlichung geschieht in der Passion. Verherrlicht bleibt Jesus unter uns in der Kraft des Heiligen Geistes. Und so ist ein neues Sehen, das sich im Glauben ereignet, möglich. In der Passion ist die Herrlichkeit Jesu Gegenwart. Das Sehen geschieht im Nachfolgen.

‘Gott ist in unserem Herzen eingeleuchtet’, so Paulus (2 Kor 4,6), ‘damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi’.

Wie ist das Suchen nach Gottes Angesicht im Alten Testament? Gottes Gesicht is da verborgen, aber er hat ein Gesicht und damit ist er eine Person und hat er eine Name. Darum ist mit ihm Beziehung möglich. Und Suchen nach Beziehung ist  Suchen nach dem Antlitz. Dieses Suchen und Anschauen ist eine Haltung, die den ganzen Menschen umfasst; nur wenn er gerecht, gottgemäss wird, ist der Beter auf dem Weg zur Begegnung mit Gottes Gesicht.

‘Ich aber werde in Gerechtigkeit dein Antlitz schauen, beim Erwachen mich sättigen an deinem Anblick.’ (Ps 17,15)

Wer ist der Mensch, der nach ihm fragt, der dein Antlitz sucht, Gott Jakobs? ‘Der reine Hände hat und ein lauteres Herz, der nicht betrügt und keinen Meineid schwört.’ (Ps 24,4;cf.6)

Die Suche nach Gottes Angesicht trägt die eschatologische Hoffnung wesentlich in sich.[18]

‘Der Herr und Mose redeten mit einander Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden.’ (Ex 33,11) Da verweist Mose eindeutig auf Christus; denn der Sohn steht immerfort Angesicht zu Angesicht mit dem Vater.

‘Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen’, fragt Mose später den Herrn (Ex 33,18). ‘Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben […] Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüber zieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.’ (Ex 33,20-23)

Da verweist Mose indirekt auf Christus; es ist der Weg der Jünger Jesu und damit unser Weg. Gott nur vom Rücken sehen bedeutet, dass wir Gott nur begegnen können, indem wir hinter Jesus hingehen. ‘Sehen ist Gehen, ist Unterwegssein unserer ganzen Existenz auf den lebendigen Gott zu, wofür uns Jesus Christus […] die Richtung schenkt.’[19]

Die indirekte Verweisung von Mose auf Christus kehrt zurück im Ratzingers ‘ersten Blick auf das Geheimnis Jesu’.

In Deuteronomium (18,15) findet sich eine Verheissung, die für das Verständnis der Gestalt Jesu von entscheidender Bedeutung ist: Es wird ein neuer Mose verhiessen. Mose beschäftigt sich mit der Verkündigung des Gesetzes und kündigt an: ‘Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte, unter deinen Brüdern, erstehen lassen. Auf ihn sollt ihr hören.’

Nachdem Mose gestorben ist, steht da (Dtn 34,10): ‘Niemals wieder ist in Israel ein Prophet wie Mose aufgetreten. Ihn hat der Herr Auge in Auge berufen.’

Der Prophet zeigt uns das Gesicht Gottes, und damit zeigt er uns den Weg, den wir zu nehmen haben. Die Verheissung eines ‘Propheten wie mich’ trägt eine grosse Erwartung in sich: ‘dass dem letzten Propheten, dem neuen Mose,  geschenkt werde, was dem ersten Mose versagt blieb — wirklich und unmittelbar Gottes Angesicht zu sehen’. So Ratzinger. ‘So ist damit dann auch von selbst die Erwartung verbunden, dass der neue Mose Mittler eines höheren Bundes sein würde als der, den Mose vom Sinai bringen konnte.’

In dieser Einführung lässt Ratzinger weg, dass Mose auch mit dem Herrn Auge in Auge geredet hat (Ex 33,11). Also die direkte Verweisung. Zu verstehen: Jesus ist mehr als Prophet. Er ist Sohn. Dennoch.

‘In Jesus ist die Verheissung des neuen Propheten erfüllt. Bei ihm ist nun vollends verwirklicht was von Mose nur gebrochen galt: Er lebt vor dem Angesicht Gottes, nicht nur als Freund, sondern als Sohn; er lebt in innerster Einheit mit dem Vater. Nur von diesem Punkt her kann man die Gestalt Jesu wirklich verstehen.’

Die Lehre Jesu ist Auslegung ‘in Vollmacht’. Sie kommt aus der unmittelbaren Berührung mit dem Vater, aus dem Dialog von ‘Gesicht zu Gesicht’.

‘Sie ist Sohneswort.’[20]

 

[1] Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis. Mit einem neuen einleitenden Essay (München 2000) 18-19,23-24.

[2] Idem 26.

[3] Idem 140,143,145.

[4] Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine Einführung (Freiburg 2000) 42.

[5] Ratzinger (Anmerkung 1) 157,159.

[6] Ratzinger (Anmerkung 1) 165-171.

[7] Idem 172-173.

[8] Idem 176.

[9] Idem 189-192.

[10] Idem 204-208.

[11] Idem 210-214.

[12] Christoph Kardinal Schönborn, ‘Der Papst auf der Agora’ in: ‘Jesus von Nazareth’ kontrovers. Rückfragen an Joseph Ratzinger (Münster 2007) 16-17.

[13] Karl Kardinal Lehmann, ‘Erste Hinführung zum neuen Buch von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.’ (ibidem) 6-7.

[14] Neben dem in Anmerkung 12 genannten Band:

Gespräch über Jesus. Papst Benedikt XVI. im Dialog mit Martin Hengel und Peter Stuhlmacher

Herausgegeben von Peter Kuhn (Tübingen 2010).

Georg Bubolz, Das Buch des Papstes: Jesus von Nazareth. Informationen – Hintergründe – Denkanstösse (Düsseldorf  2007).

Gerd Lüdemann, Das Jesusbild des Papstes. Über Joseph Ratzingers kühnen Umgang mit den Quellen (Springe 2007).

‘Jesus von Nazareth’ in der wissenschaftlichen Diskussion

Herausgegeben von Hermann Häring (Berlin 2008).

Der Jesus des Papstes. Passion, Tod und Auferstehung im Disput

Herausgegeben von Hermann Häring (Berlin 2011).

Jesus und der Papst. Systematische Reflexionen zum Jesus-Buch des Papstes. Herausgegeben von Helmut Hoping / Michael Schulz (Freiburg 2007).

Das Jesusbuch des Papstes — Die Debatte

Herausgegeben von Ulrich Ruh (Freiburg 2008).

Ein Weg zu Jesus. Schlüssel zu einem tieferen Verständnis des Papstbuches Herausgegeben von Thomas Söding (Freiburg 2007).

Das Jesus-Buch des Papstes. Die Antwort der Neutestamentler

Herausgegeben von Thomas Söding (Freiburg  2007).

Tod und Auferstehung Jesu. Theologische Antworten auf das Buch des Papstes Herausgegeben von Thomas Söding (Freiburg 2011).

Zu Bethlehem geboren?. Das Jesus-Buch Benedikt XVI. und die Wissenschaft Herausgegeben von Thomas Söding (Freiburg 2013).

Annäherungen an ‘Jesus von Nazareth’. Das Buch des Papstes in der Diskussion Herausgegeben von Jan-Heiner Tück (Ostfildern 2007).

Erlösung auf Golgotha. Der Opfertod Jesu im Streit der Interpretationen Herausgegeben von Magnus Striet / Jan-Heiner Tück (Freiburg 2012).

[15] Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Von der Taufe im Jordan bis zum Erklärung I (Freiburg 2007) 10,12.

[16] Im Vorwort zum zweiten Teil des Jesus-Buches kommt Ratzinger auf die Hermeneutik zurück: Die wissenschaftliche Schriftauslegung ‘muss lernen, dass die positivistische Hermeneutik, von der sie ausgeht, nicht Ausdruck der allein gültigen und endgültig zu sich gekommenen Vernunft ist, sondern eine bestimmte und historisch bedingte Art von Vernünftigkeit darstellt, die der Korrektur und der Ergänzungen fähig und bedürftig ist’. [Sic]

Joseph Ratzinger /Benedikt XVI, Jesus von Nazareth. Vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung II (Freiburg 2010) 11.

[17] Ratzinger (Anmerkung 15) 14-18,20.

[18] Joseph Ratzinger, ‘”Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen” (Joh 19,4). Das Antlitz Christi in der Heiligen Schrift’ in: Unterwegs zu Jesus Christus (Augsburg 2003) 12-20.

[19] Idem 23-25.

[20] Ratzinger (Anmerkung 15) 26-33.