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Liturgie als lebendiges Ganzes

1 november 2016 |  Antoine Bodar |  Ratzinger-studies

Antoine Bodar

LITURGIE ALS LEBENDIGES GANZES

I

“Der Papst ist nicht ein absoluter Monarch, dessen Wille Gesetz ist, sondern er ist der Hüter der authentischen Tradition und damit der erste Garant des Gehorsams.” So die Worte von Joseph Kardinal Ratzinger.[1] Deshalb habe er hinsichtlich der Liturgie die Aufgabe eines Gärtners. Gleich einem Gärtner, der allem, was in seinem Garten wächst, Fürsorge und Pflege entgegenbringt, müsse auch die Kirche ihre Liturgie begleiten und ehren. Denn die Liturgie gleiche einem lebendigen Organismus.[2] Im Glauben und Leben der Kirche ist die Liturgie durch das Beten und Feiern gewachsen. Sie stellt in verdichteter Form die lebendige Überlieferung von Generation zu Generation dar, die folglich Behutsamkeit verlangt.

Genau um die Liturgie, nicht als starrer Ritus verstanden, sondern als lebendiges Ganzes, ist es der Liturgischen Bewegung gegangen.[3] Und Joseph Ratzinger durfte als Papst Benedikt XVI. höchster Zögling dieser Bewegung genannt werden – gesegneter Gärtner.[4] Die Liturgie verdankt ihre Größe dem Umstand, dass sie seit Beginn in lebendiger Gestalt gewachsen ist – weitere Gründe also, ihr mit Ehrfurcht entgegenzutreten und sie ebenso zu beschützen.[5]

Unter den päpstlichen Schriften befinden sich neben Aufsätzen drei Bücher, die sich ganz der Liturgie widmen: Das Fest des Glaubens (1981), Ein neues Lied für den Herrn (1995) und Der Geist der Liturgie (2000). Der Glaube nämlich wird ja als Fest gefeiert und sehnt sich in kunstreichen Psalmen nach Christi Gegenwart.[6] Dazu bedarf es der Einsicht in den Geist der Liturgie.[7] Denn erst dann zeigt sich voll und ganz die Schönheit Christi, die erlöst – innere Schönheit, die trifft und verwundet und Einsicht bringt, Berührung durch die wahre Gegenwart Christi.[8]

Im Motu proprio (Tra le sollecitudini) von 1903 hält Pius X. nicht nur fest, dass die Kirchenmusik wesentlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie ist, sondern auch, dass die Gläubigen aktiv an den heiligen Mysterien und den öffentlichen Gebeten der Kirche teilzunehmen haben.[9] Die päpstliche Weisung ‘aus eigenem Antrieb’ ist zum Eckstein der Liturgischen Bewegung geworden,[10] die in Deutschland nach Einsicht von Benedikt XVI. im Jahre 1918 mit der kleinen Schrift von Romano Guardini Vom Geist der Liturgie wirklich zum Leben erwacht ist.

Schon mit dem Titel seines dritten Liturgiebuches (Der Geist der Liturgie) ehrt Ratzinger Guardini. Und gleich seinem Vorgänger geht es auch ihm darum, Hilfe zu bieten, “eine Hilfe zum Verstehen des Glaubens und zum rechten Vollzug seiner zentralen Ausdrucksform in der Liturgie”.[11]

Mit dem Porträt, das Joseph Ratzinger 1985 von Romano Guardini zeichnete, porträtiert er mitunter auch sich selbst. Ein jeder zeigt in dem Bild des anderen ja auch sich selbst. Das erweist sich neben der Verwandtschaft im Verständnis der Liturgie auch in der Suche nach der Wahrheit. Der Bischof mit der Devise Cooperatores Veritatis (‘Mitarbeiter der Wahrheit’), nach dem dritten Johannesbrief (3 Jo 8), muss sich in diesem Ausspruch Guardinis hinsichtlich des Theologiestudiums wiedererkannt haben: “Was mich aber spontan interessierte, war nicht die Frage, was einer über die christliche Wahrheit gesagt hat, sondern was wahr ist.”[12] Für beide steht Christus als die Wahrheit im Mittelpunkt ihres Denkens.[13] Die Suche nach der Wahrheit ist die Suche nach dem Sein, so Guardini in der Nachfolge Husserls. Frei ist, wer völlig das ist, was er seinem Kern entsprechend sein muss. Folglich ist Freiheit Wahrheit. Die Wahrheit des Menschen ist sein Wesen – die Deckungsgleichheit mit dem eigenen Sein. Und was ist Verehrung? Gehorsam dem eigenen Sein gegenüber angesichts des Seins Gottes. Das ist Sein in Wahrheit. Das ist nichts als Wahrheit. “Entscheidend ist, daß Wahrheit Grundkategorie seines Denkens war und von hier aus Anbetung mit Denken zusammengehörte.” So die Worte Ratzingers über Guardini: Der Mensch ist zur Wahrheit hin geöffnet, während die Wahrheit im lebendig Konkreten ist – in der Gestalt Jesu Christi.[14] So wie die Wahrheit im lebendig Konkreten ist, so ist es auch die Liturgie, die Zeremonie der Dreieinigkeit Gottes, der lebendig ist und konkret in seinem menschgewordenen Sohn.

Die Liturgische Bewegung erfährt nicht nur wegen des jüngsten Liturgiebuches von Joseph Ratzinger einen neuen Impuls, sondern auch wegen der gegenwärtigen Papstwürde von Benedikt XVI. Eine gründliche Erneuerung des gesamten christlichen und kirchlichen Lebens aus dem Geist der Liturgie ist das Ziel der Bewegung.[15] So kann die Liturgie in ihrer Schönheit, in ihrem Reichtum, in ihrer Größe erneut inmitten der Kirche und des Lebens entdeckt werden. So können die Freskengemälde der Liturgie, die seit 1903 bzw. 1918 unter der Tünche jahrhundertelangen Stillstands zum Vorschein kamen und die vom Zweiten Vatikanischen Konzil in der Farbe und Gestalt der Schönheit erstrahlten[16] (doch dann im Laufe der folgenden Jahre ihre Frische an übertünchender Kreativität verloren), nun – dank der Reform der Liturgiereform[17] – in einem neuen Glanz aus edler Einfachheit und vornehmer Transparenz[18] wieder erstrahlen.

Denn was ist geschehen? Obwohl niemand aus eigenem Antrieb heraus der Liturgie etwas hinzufügen oder ihr etwas nehmen oder Änderungen durchführen darf,[19] ist gegenwärtig die Feier in vielen Gemeinden gerade dadurch gekennzeichnet. “Aber wo Liturgie nur selbstgemacht ist, da eben schenkt sie uns nicht mehr, was ihre eigentliche Gabe sein sollte: die Begegnung mit dem Mysterium, das nicht unser Produkt, sondern unser Ursprung und die Quelle unseres Lebens ist. Eine Erneuerung des liturgischen Bewußtseins, eine liturgische Versöhnung, die wieder die Einheit der Liturgiegeschichte anerkennt, das Vatikanum nicht als Bruch, sondern als Entwicklungsstufe versteht, ist für das Leben der Kirche dringend vonnöten. Ich bin überzeugt, daß die Kichenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht”, schreibt Joseph Ratzinger in seinen Erinnerungen Aus meinem Leben. Denn wenn sich in der Liturgie nicht mehr die Gemeinschaft des Glaubens, die weltweite Einheit der Kirche und ihrer Geschichte, das Mysterium des lebendigen Christus manifestiert, dann feiert die Gemeinde bloß sich selbst. “Deshalb”, so der damalige Kardinal und heutige Papst, “brauchen wir eine neue Liturgische Bewegung, die das eigentliche Erbe des II. Vatikanischen Konzils zum Leben erweckt.”[20] Auch wenn sich die Zeiten und Umstände völlig verändert haben, so ist doch deutlich, dass die heutige Situation in der Kirche sich mit der vor hundert Jahren vergleichen lässt, als papa Sarto Reformen der Liturgie erließ. Wird papa Ratzinger Überlegungen zu einem solchen Motu proprio zur Reform der Reform anstellen?

Die Liturgie stellt den Höhepunkt dar, die von der Kirche angestrebt wird, und gleichzeitig die Quelle aus der die Kirche schöpft.[21] Zwischen dieser Höhe und dieser Tiefe lebt die Kirche ebenfalls. Die Liturgie umgibt unvermittelt Christus, der selbst der Liturg ist. Somit ist sie in Christus das Herz der Kirche. Doch wie kann das Herz genesen, wenn nicht der Rest des Leibes Christi, der eben die Kirche ist, Pflege erfährt? Die Vorbereitung auf die Liturgie hat mit Erfahrungen und Wissen um Leben und Kultur zu tun und erst dann mit Katechese und danach mit Mystagogie. Der Unterricht im Glauben (Katechese) führt zum Wissen, die Einsicht in die Heilsmysterien (Mystagogie) führt zur Liebe. Darüber hinaus wird die Frage nach dem Sinn des Lebens erneut gestellt, das Bedürfnis nach Religion erneut aufgezeigt, die Übergabe an die Mystik erneut gesucht.[22] Und dies sogar möglichst eher außerhalb der Kirche als innerhalb. Die neue Bewegung, die sich auf Christus in der Liturgie ausrichtet, wird stark und leidenschaftlich wie ein Missionar sein müssen – nach innen genauso wie nach außen hin.

II

Sacrosanctum Concilium, die Konzilkonstitution von 1963, beschreibt die Liturgie nicht mit einem einzigen Begriff, sondern mit vier Überlegungen, die der biblischen Überlieferung zugrunde liegen: Liturgie ist die Ausführung des Brautgeheimnisses zwischen Christus und der Kirche. Sie ist Vollzug des Bundes zwischen Gott und dem Menschen. Sie ist ein kosmisches Geschehen, das Himmel und Erde umfasst. Sie verweist vor allem auf das Passah-Mysterium, in dem sich die Heilsgeschichte verdichtet zur eigentlichen Erlösung; denn Passah ist sowohl die Hochzeit als auch der Bund, sowohl das Überschreiten (transitus) von Grenzen als auch die Brücke, die Zeit und Ewigkeit durch Jesu Kreuzestod verbindet. So die Worte Joseph Ratzingers vierzig Jahre später. Doch Passah als Maß zu nehmen bedeutet zugleich auch dreierlei, wie Ratzinger fortführt:

Die Liturgie ist zwar das Wesen, nicht aber das Gesamt der Kirche. Sie kann nicht ohne die Verkündigung, die zur Bekehrung führt, auskommen, nicht ohne die Verpflichtung zur Nächstenliebe, nicht ohne die Freude über das Opfer am Kreuz, das mit dem Leid des Kreuztragens einhergeht.

Das christliche Passah ist die Vollendung des jüdischen Passah, das in sich schon die Gottesdienste, die vorangingen, vereint. Der Weg des Unterscheidens und der Reinigung hat sich auf die Suche nach der Wahrheit gemacht. Deshalb gibt es den Zusammenhang des christlichen Kults mit der Religionsgeschichte.

Aufgrund des kosmischen Charakters der Liturgie offenbart sich in jeder Feier die gesamte Kirche, die bei jeder Feier von den Gaben der Schöpfung lebt, die zu dem Geschenk der Erlösung werden. Der Blick gen Osten meint die Verankerung der Liturgie in die Schöpfung, die sich darin in Richtung ihrer Neuheit erstreckt.[23]

Die Geschichte der Schöpfung, an deren Ende der Sabbat steht, und die Sabbatgebote auf dem Sinai schöpfen aus einer gemeinsamen Quelle. Denn das Ziel der Schöpfung ist der Bund, die Vermählung zwischen Gott und dem Menschen. Davon zeugt der Sabbat. Gottes Liebe beantwortet der Mensch mit der Liebe, die Anbetung heißt. Im Buch Der Geist der Liturgie zeigt der heutige Papst die klaren Parallelen auf zwischen dem Text über die Schöpfung in Genesis und dem über den Kult in Exodus. Schöpfung und Kult haben gleiches zum Ziel: Vergöttlichung der Welt. Die Bewegung auf dieses Ziel hin lässt die Schöpfung selbst zum Teil der Geschichte werden: Gott nimmt die menschliche Gestalt an und vergöttlicht auf diese Weise den Menschen in seinem Leiden, Sterben und Auferstehen, wodurch die Schöpfung erneuert wird.[24] Der Vorhang im Tempel zerreißt. Der Tempel von Jerusalem wird verwüstet, an seiner Stelle entsteht der Tempel des auferstandenen Christus. Der christliche Kult ist “Liturgie der erfüllten Verheißung, der ans Ziel kommenden Suchbewegung der Religionsgeschichte, aber sie bleibt Liturgie der Hoffnung”. Denn die Liturgie des christlichen Glaubens ist eine Liturgie auf dem Wege, eine Liturgie der Pilgerfahrt zu “Gott, der alles in allem wirkt” (1 Kor 12,6).[25]

Die Liturgie ist dem Spiel verwandt und das Spiel mit dem Fest. Für die Liturgie als Spiel gilt der Tribut Romano Guardini[26], für die Liturgie als Fest gilt er Josef Pieper.[27] Ratzinger hingegen hält schließlich das Spiel der Weisheit für den Allerhöchsten (Spr 8,30) inhaltlich für allzu entleert; denn der Blick auf Gott bleibt unbestimmt.[28] Dennoch bleiben Spiel und Fest – wenigstens der Form nach – auch für ihn hilfreiche Begriffe, mit denen die Liturgie bestimmt werden kann. Die Form nämlich kann dem Inhalt vortrefflich zur Seite gehen und ihm dienen, wie es die benediktinische Tradition lehrt. In Das Fest des Glaubens zeigt der Kardinal die Verbindungen zwischen der Krise der Liturgie und dem Mangel an Strukturen in den gegenwärtigen Feiern.[29] Die Liturgie als Fest feiert nie die eigene Pfarrgemeinde und bedarf einzig der Kreativität der Hingabe. Die Liturgie bietet umso mehr Freude und Freiheit, je größer die Wahrnehmung des Sinns vom christlichen Kult wird, dem Mysterium Paschae – das Fest, das zur Anbetung und Teilhabe am kosmischen Drama des auferstandenen Christus in der Eucharistie einlädt. Jedes Spiel wie auch jedes Fest ist Regeln unterworfen und weiß um eine Struktur. Diese sind nur zum Teil machbar. Das heilige Spiel, das heilige Fest, die Liturgie also, überschreitet die Grenze des Machbaren und Gemachten. Sie ist gegeben und empfangen und dabei kein Eigentum, sondern ein Geschenk. “Die Liturgie bezieht ihre Größe aus dem, was sie ist, und nicht aus dem, was wir damit machen. Unser Tun freilich ist notwendig, aber als demütiges Sicheinfügen in den Geist der Liturgie und als Dienst für den, der das wahre Subjekt der Liturgie ist: Jesus Christus.”[30]

In der Liturgie geht es vornehmlich um das Ergriffenwerden und nicht um das Begreifen, und es geht weniger um das verstandesmäßige Begreifen, sondern um das Begreifen mit dem Herzen. Die Liturgie ist nicht so sehr eine rationale Sache, vielmehr ist sie eine Angelegenheit der ganzen Person. Sie offenbart sich auf vielerlei Weise – den Sinnesorganen und ebenso durch eine Atmosphäre, die Stille ist und Schweigen verlangt und aus der Tiefe der Jahrhunderte und der Ewigkeit auftaucht. Den Riten liegt ja eine Art gemeinsamer Lebensform zugrunde, aus der sich das große Fortschreiten der Glaubensgeschichte erweist, die eine Vollmacht darstellt, die nicht von einzelnen stammt, sondern von der Gemeinschaft.[31] Deshalb ist auch der christliche Kult die Folge eines organischen Wachsens in der allesumfassenden Geistesentwicklung der gemeinschaftlichen Überlieferung. Selbst während des Wechsels vom Alten zum Neuen Testament wurde dieses Wachstum nicht unterbrochen: Jesus hat seine Worte während des letzten Abendmahls organisch in den Zusammenhang mit dem jüdischen Kult eingefügt – dort, wo er dafür offen stand und darauf wartete. Die junge Kirche hat diesen Prozess weitergeführt.[32] Das Leben der Liturgie kennt deshalb organische Formen des Ausdrucks. Und die Theologie der Schöpfung und der Auferstehung (und damit der Inkarnation) fordert diese lebendigen Formen ein – der Geist und der Leib sind beide ein Ausdruck des Feierns, das das Gebet ist. “Die Vergeistigung des Leibes und die Verleiblichung des Geistes fordern sich gegenseitig.”[33] Was ist der Grund? “Es ist nicht nur Fleischwerdung des Wortes, sondern zugleich Geistwerdung des Fleisches”, so Joseph Ratzinger: “Die christliche Verleiblichung ist immer zugleich Vergeistigung und die christliche Vergeistigung ist Verleiblichung in den Leib des menschgewordenen Logos hinein.”[34] Indem er sich in seiner Zeit gegen das rein Geistige wehrt, das sich zum Abstrakten verflüchtigt hat, bestimmt Guardini schon, dass die Wiederentdeckung der Liturgie auch die Wiederentdeckung von Geist und Leib bedeutet. Das liturgische Handeln ist ja ein symbolisches Handeln: Das Symbol ist das eigentliche Wesen der Einheit vom Geistigen und Materiellen – die Vergeistigung der Materie sowie die Materialisierung des Geistigen.[35] Dennoch wird die Zeremonie in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der Vergeistigung bestimmt. Die in der Liturgiekonstitution geforderte Anpassung des Auffassungsvermögens der Gläubigen[36] hat den Gottesdienst häufig eindimensional gemacht: Der rituelle Ausdruck wurde verleugnet und die liturgische Symbolik zerstört. Die Beschränkung auf den Geist hat den Leib vergessen lassen, während gerade dieser in der symbolischen Handlung – allein schon beim Stehen, Verbeugen und Knien – der Liturgie ihre Gestalt verleiht.[37] Es ist Zeit, an Guardinis damalige Wiederentdeckung anzuknüpfen und der damaligen Liturgischen Bewegung erneut Leben einzuhauchen.

III

Vor einem Jahrhundert hat Pius X. verkündet, dass die musica sacra keine Hinzufügung, sondern integraler Teil der Liturgie ist. Entsprechend ist die Kirchenmusik umso sakraler, je enger sie mit der liturgischen Handlung verbunden wird, sei es, um das Gebet zu verinnerlichen und die Eintracht zu fördern, sei es, um die Riten mit einer größeren Feierlichkeit zu bereichern.[38]

Zudem hat der damalige Papst zur actuosa participatio aller Gläubigen mit dem Ziel aufgerufen, dass sie während der Heiligen Messe nicht bloß eigene Gebete aufsagten oder ihre Anwesenheit auf ein ‘Mitmachen’ der Liturgie beschränkten, sondern die Eucharistie wirklich mit Geist und Leib feiern sollten. Denn die aktive Teilnahme ist die erste und ohne Abstriche notwendige Quelle, aus der die Gläubigen den wirklich christlichen Geist schöpfen.[39] Beide Themen tauchen immer wieder in den Schriften des Kardinals, der nun Benedikt XVI. heißt, auf.

Die Liturgie meint die Anbetung der göttlichen Majestät, zugleich aber auch die Unterrichtung der Frohen Botschaft, wie das Konzil sagt.[40] Aber die Epiphanie des Heiligen, die in Zeichen, Gebärden und Worten zum Ausdruck kommt, ist selbst schon die Unterrichtung, wie Joseph Ratzinger sagt. Die Teilnahme an der Liturgie setzt allerdings vorab eine Erziehung voraus – allgemein und liturgisch. Dadurch kann sich die Seele schon öffnen.[41]

Die aktive Teilnahme an der Liturgie bedeutet zu allererst Teilnahme an Gott (participatio Dei) – will sagen: Gott lässt uns an sich selbst teilnehmen. Teilnahme kann also nicht bloß äußerlich sein, sondern wird erst äußerlich aus dem Inneren heraus. Einer wirklichen Handlung geht die Rezeption voraus – die Empfänglichkeit für die Fähigkeit zum Handeln. Und diese Empfänglichkeit für Gott teilen wir mit anderen, denen dasselbe widerfährt. So fängt die Gemeinschaft an. Aktive Teilnahme beginnt also mit dem gemeinsamen Schweigen, um sich Ihm zu öffnen, der die Wahrheit und die Liebe ist. “In der Liturgie wird die ganze Tiefe des Menschen angesprochen, die viel weiter reicht als unser Alltagsbewußtsein.”[42]

Teilnahme – das Wort sagt es schon – meint, an einer Handlung teilzunehmen, um Teil einer Gemeinschaft zu werden. Das persönliche Handeln in der Liturgie steht im Dienst des allgemeinen Handelns – der göttlichen Handlung (actio divina). Und welches ist die zentrale Handlung in der Eucharistie? Das Hochgebet ist das wirkliche Handeln – das Große Gebet, die oratio schlechthin. Aktive Teilnahme an der Liturgie bedeutet in dieser Hinsicht, sich an die Schrift zu erinnern, in der steht (1 Kor 6,17): “Wer sich an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm.” Und die Teilnahme an der Liturgie – das Handeln Gottes – beschränkt das persönliche Handeln nicht auf jenes in der Feier, sondern verpflichtet auch zum Handeln im täglichen Leben, sodass dieses ‘liturgisch’ wird im Dienst der Veränderung der Welt.[43]

Was wäre also die actuosa participatio anderes als die Einladung zur Vertiefung des empfangenen Glaubens und zum inneren Erleben der äußerlichen Zeremonie – zur Wahrnehmung der Liturgie nicht als Machwerk, sondern als Ereignis, im Bewusstsein dessen, dass “das Machen endet, wo das eigentlich Große beginnt”.[44]

Die Kunst kann nur dort gedeihen, wo sie dient. Die Kunst, die nicht dient, verliert den Kontakt zu jenen, die sich mit ihr auseinandersetzen oder sie betrachten und ihr zuhören wollen, und geht in der Folge unter. Die Krise der gegenwärtigen Kunst ist die Krise der gegenwärtigen Kultur und ist die Krise der gegenwärtigen Liturgie. Das ‘ich’ sitzt überall hoch zu Ross und klagt sein Recht ein. Die Kunst, Kultur oder Liturgie, die nicht dient, dient keinerlei Zweck. Wie ist das einzusehen? Einfach aus der wiedergefundenen Erkenntnis heraus, dass der Mensch im Sinne der Dienstbarkeit geboren und gemeint ist.

Beim Nachdenken über die Musik erinnert sich Joseph Ratzinger an die drei Bedingungen, die die Kunst nach Exodus erfüllen muss, um wahrhaft zu sein. Der Künstler erschafft nach dem Vorbild des Schöpfers. Damit nimmt er teil an der Schöpfung des Herrn. Der Künstler erhält von ihm Einsicht und Kunde, sodass er ausführen kann, was Gott ihm aufträgt. Der Künstler wird von seinem Herzen zum Handeln getrieben, so wie Gott als Schöpfer es tut.[45] – Die drei Bedingungen wurden der Kunst im Grunde bis zur Renaissance gestellt, als sich im ganzen Denken über die Kunst langsam eine Wendung vollzog vom Objekt weg hin zum Subjekt – vom gottgegebenen Kunstwerk hin zum gottgleich schenkenden Künstler (und dann hin zum Erleben von dessen Kunstwerken durch das Publikum).

An anderer Stelle verbindet der Kardinal, ausgehend von Pythagoras’ Mathematik, die Musik (und damit die Architektur und die Kunst im Allgemeinen) mit der Dreifaltigkeit: Der Vater hat den Kosmos erschaffen, aber der Logos ist der große Künstler, in dem sich alle Kunstwerke – die Schönheit des Kosmos – ursprünglich befinden und die er durch den Geist in der Materie zum Leben erweckt. Das Singen mit den Engeln, wie in Jesaja (6,3), ist das Singen mit der Musik des Kosmos und heißt, Christus zu folgen und ihm nahe zu kommen. Der Logos heißt darum die Kunst Gottes (Ars Dei) – Christus, auf den sich jede wahre menschliche Kunst richtet.[46] Der Geist Christi lässt uns singen – der Heilige Geist, der die Liebe ist und uns einbezieht in die Liebe Christi zum Vater.[47]

In den Jahren zwischen 1974 und 2000 hat sich Benedikt XVI. vor allem drei Themen hinsichtlich der Kirchmusik gewidmet: Zum ersten dem Gegensatz, welcher seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zwischen der vermeintlich pragmatischen, pastoralen Gebrauchsmusik und der vermeintlich ästhetischen, elitären Kirchenmusik herrscht – ein Problem, das direkt auf die geforderte Einfachheit und differenzierte Erklärung der aktiven Teilnahme (actuosa participatio) verweist. Zum zweiten geht es um den Gegensatz zwischen der Forderung nach strenger Vergeistigung im Gottesdienst und der zugelassenen Versinnlichung – eine Frage, die nicht nur auf den menschgewordenen Gott verweist, sondern auch auf die Liturgie als lebendigen Organismus. Zum dritten geht es um Ratzingers wiederkehrenden Lobgesang auf die Psalmen, die dichterische Übersetzung des Umgangs Israels in Freude und Not mit dem Ewigen – vertonte Gebete, die die junge Kirche übernommen und auf Christus bezogen hat. Die Psalmen stützen und lenken seitdem vor allem die Vokalmusik der Kirche auf eine solche Weise, dass nun nicht mehr die Musik den Text, sondern der Text die Musik trägt.[48]

Die Verbannung der Kirchenmusik in den Konzertsaal und ihre Einschränkung während des Gottesdienstes auf Gebrauchsmusik machen die Liturgie nicht zugänglicher, sondern ärmer. Angemessenheit hat nichts mit Banalität, sondern mit Würde zu tun. Und nicht nur der eigene Gesang, sondern auch das zuhörende Schweigen bedeuten aktive Teilnahme. Es war nicht eine platte Einfachheit, die dem Konzil vorschwebte, sondern eine Einfachheit, die aus einer Besonnenheit hervorgeht, die Reinheit ist. Nur so kann die Kirche die Stimme des Kosmos zum Leben erwecken und in der Verherrlichung des Schöpfers dem Kosmos seine Herrlichkeit entlocken.[49] Die Herrlichkeit Gottes, die einst einzig im Tempel von Jerusalem verweilte, befindet sich ja nun dort, wo Christus gefunden wird – im Kosmos und in der Kirche. Deshalb beweist die Liturgie erst dann ihre rechtmäßige Erbschaft des Tempeldienstes, wenn sie den Kosmos in ihrer Musik erschallen lässt, da sie den ganzen Kosmos als Tempel betrachtet. Die Kirchenmusik drückt schlechthin den Glauben in der Verherrlichung Christi aus. Denn die Liturgie hat zum Auftrag, den Kosmos in die Tonart ihres Lobgesangs überzuführen und somit die Welt zu erheben.[50] Die christliche Liturgie ist deshalb eine kosmische Liturgie. Unser ganzes Singen ist ein Mitsingen der großen Liturgie, die die ganze Schöpfung umfasst.[51]

Der schon in der Antike bekannte Gegensatz zwischen apollinischer und dionysischer Musik macht sich auch hier bemerkbar. Gegenüber der Musik, die den Kosmos und die Erlösung ertönen lässt, steht wiederum jene Musik, die der Betäubung entspringt und Gefangenschaft im Rausch mit sich bringt. Derlei Rockmusik muss aus der Liturgie verbannt werden. Liturgische Musik muss hingegen den großen liturgischen Texten entsprechen.[52]

Die heute komponierte Musik hat sich in zwei extreme Strömungen aufgesplittert – einerseits populäre Musik für die Massen, andererseits hoch artifizielle Musik für die Kenner. Zwischen diesen beiden befindet sich der Raum für die früher komponierte Musik und die Volksmusik, zugleich auch ist es das Terrain für die Kirchenmusik. Weder der ästhetische Elitarismus, der nur sich selbst dient und nicht zu Verbindungen fähig ist, noch der populäre Pragmatismus, der die Massen bedient (und nicht wie die Volksmusik eine bestimmte Gemeinschaft), sind für die Liturgie geeignet. Die Anpassung an die Massenkultur ist genau das Mittel, mit der die pastorale Botschaft getötet wird.[53] Die Kirchenmusik muss der liturgischen Handlung entsprechen, zum Gotteshaus passen und den Gläubigen zur Erbauung dienen.[54] Die liturgische Musik muss einen Bezug zum Logos haben, dem fleischgewordenen Wort. Sie unterstützt den Text, der sie dominiert, und fördert so auf höhere Weise die Verkündigung. Sie dient dem Wort und erhebt damit die Herzen. Sie schart sich zu den singenden Engeln und verbindet so Himmel und Erde.[55]

Wer wirklich von der erhabenen und somit reinigenden Musik ergriffen wird, weiß wie durch eine Eingebung, dass der Glaube wahr ist. Sie lässt uns der Größe und Schönheit Gottes gewahr werden.[56]

[1] Joseph Ratzinger, Liturgie zwischen Tradition und organischem Wachsen, Una Voce Korrespondenz 35 (2005) 85-89: 87.

[2] Cf. Alcuin Reid OSB, The Organic Development of the Liturgy (Farnborough 2004).

[3] Cf. Anmerkung 1: 85,87.

[4] Cf. Joseph Ratzinger, Aus meinem Leben (Stuttgart 1998) 64.

[5] Cf. Joseph Ratzinger, Gott und die Welt (Stuttgart 2000) 384.

[6] Cf. Joseph Ratzinger, Biblische Vorgaben für die Kirchenmusik, Musicae Sacrae Ministerium [CIMS] (Roma 1991) 34-48: 48.

[7] Cf. Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie (Freiburg 2000) 178.

[8] Cf. Joseph Ratzinger, La Bellezza / La Chiesa (Roma 2005) 17,25.

[9] Cf. Johannes Laas, Der hl. Pius X. und die Erneuerung der Kirchenmusik, Una Voce Korrespondenz 35 (2005) 140-158: 148-155.

[10] Cf. Anmerkung 2: 64.

[11] Cf. Anmerkung 7: 7-8.

[12] Joseph Ratzinger, Von der Liturgie zur Christologie’, Grundsatz-Reden aus fünf Jahrzehnten (Regensburg 2005) 183-200: 199-200.

[13] Cf. Anmerkung 4: 178-179. Cf. auch Joseph Ratzinger, Salz der Erde (München 1996) 70-71.

[14] Cf. Anmerkung 12: 192-193,198.

[15] Cf. Arno Schilson, Den Gottesdienst neu entdecken, Herder Korrespondenz 46 (1992) 567-571: 567.

[16] Cf. Anmerkung 7: 7-8.

[17] Cf. Anmerkung 4: 174. Cf. auch Pierre-Marie Gy OP, Ist ‘Der Geist der Liturgie’ Kardinal Ratzingers dem Konzil treu?, Liturgisches Jahrbuch 52 (2002) 59-65. Joseph Ratzinger, ‘Der Geist der Liturgie’ oder: Die Treue zum Konzil, Gottesdienst 36 (2002) 97-99. Cf. weiter Reiner Kaczynski, Angriff auf die Liturgiekonstitution?, Stimmen der Zeit 219 (2001) 651-668. Joseph Ratzinger, Um die Erneuerung der Liturgie, Stimmen der Zeit 219 (2001) 837-843.

[18] Cf. Sacrosanctum Concilium [SC] 34.

[19] Cf. SC 22,3.

[20] Cf. Anmerkung 4: 174.

[21] Cf. SC 10.

[22] Cf. auch Anmerkung 15: 569-571.

[23] Cf. Joseph Ratzinger, 40 Jahre Konstitution über die heilige Liturgie, Liturgisches Jahrbuch 53 (2003) 209-221: 211-215.

[24] Cf. Anmerkung 7: 20-29.

[25] Cf. Anmerkung 7: 41-43.

[26] Cf. Anmerkung 7: 11-12. Romano Guardini, Vom Geist der Liturgie (1918). Cf. auch Johan Huizinga, Homo Ludens (1938). Antoine Bodar, Vom Geheimnis der Liturgie, Musicae Sacrae Ministerium [CIMS] (Roma 1994) 94-101: 95-96.

[27] Cf. Joseph Ratzinger, Das Fest des Glaubens (Einsiedeln [1981] 1993) 25,56-57. Josef Pieper, Zustimmung zur Welt (1963). Idem, Muße und Kult (1947).

[28] Cf. Anmerkung 7: 12.

[29] Cf. Anmerkung 27: 55-59.

[30] Joseph Ratzinger, Theologie der Liturgie, Forum Katholische Theologie 18 (2002) 1-13: 12.

[31] Cf. Anmerkung 13: 186-187.

[32] Cf. Anmerkung 27: 60.

[33] Cf. Anmerkung 27: 64.

[34] Joseph Ratzinger, Liturgie und Musica Sacra, Christus in Ecclesia Cantat (Joannes Overath ed.) [CIMS] (Roma 1986) 60-74: 69.

[35] Cf. Anmerkung 12: 185.

[36] SC 34.

[37] Cf. David Torevell, Losing the Sacred (Edinburgh 2000) 170-195,199.

[38] Cf. SC 112.

[39] Cf. SC 14.

[40] Cf. SC 33.

[41] Cf. Anmerkung 23: 216-218.

[42] Cf. Anmerkung 27: 130; cf. auch 62-65.

[43] Cf. Anmerkung 7: 147-152.

[44] Cf. Anmerkung 34: 72.

[45] Cf. Anmerkung 6: 42,45.

[46] Cf. Anmerkung 7: 132.

[47] Cf. Anmerkung 7: 122.

[48] Cf. Anmerkung 7: 117-126; Anmerkung 6: 36-44; Anmerkung 27: 100-103.

[49] Cf. Anmerkung 27: 86-90,107-109.

[50] Cf. Joseph Ratzinger, Theologische Probleme der Kirchenmusik [1980], Musicae Sacrae Ministerium [CIMS] (Roma 1990) 44-54: 51,53-54.

[51] Cf. Anmerkung 7: 130-131.

[52] Cf. Anmerkung 34: 70-72.

[53] Cf. Anmerkung 6: 35,44-47.

[54] Cf. SC 116,120.

[55] Cf. Anmerkung 7: 127-133. Cf. auch Anmerkung 27: 105-106.

[56] Cf. Anmerkung 34: 71; Ansprache von Benedikt XVI., Aula Paolo VI (21 X 2005).