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Leib Christi und Volk Gottes

1 november 2016 |  Antoine Bodar |  Ratzinger-studies

Antoine Bodar

LEIB CHRISTI UND VOLK GOTTES

I

Die Kirche ist kein Selbstzweck, sondern sie ist da, damit Gott gesehen wird. Das Thema Kirche ist darum so zu betreiben, dass der Aufblick auf Gott entsteht: ‘Und in diesem Sinne ist Gott die eigentliche Zentralthematik meines Bemühens.’ So Joseph Ratzinger in 1996. Er will einfach mit dem Glauben der Kirche mitdenken und vor allem mitdenken mit den grossen Denkern des Glaubens. ‘Von daher hat meine Theologie eine etwas biblische Prägung und eine Prägung von den Vätern, besonders von Augustinus.’[1]

Im Katechismus des Trienter Konzils wird bei der Frage nach  der Kirche sinngemäss ein Text Augustins zitiert, wonach die Kirche ‘das über die Erde zerstreute Volk der Glaubenden’ (Cat. Rom. P I cap. X 2) sei.

Haben die Erarbeiter des damaligen Katechismus aus Augustin für die Kirche entweder den Begriff Leib Christi oder den Begriff Volk Gottes entnommen? Das ist die Frage, die Ratzinger in seiner Dissertation über Augustin untersucht hat.

Im Vorwort zur Neuauflage seiner Doktorarbeit in 1992 schreibt er:

‘Es zeigte sich, dass Augustinus (wie die Väter überhaupt) ganz auf der Linie des Neuen Testaments blieb, in dem das Wort Volk Gottes überwiegend in Zitaten aus dem Alten Testament auftritt und nahezu ausschliesslich das Volk Israel […] bezeichnet. Die neue, von Christus gerufene Gemeinschaft hiess demgegenüber Ecclesia, das heisst Versammlung, was einen eschatologischen wie einen kultischen Aspekt umfasst:

In der Endzeit versammelt sich Gott die Erwählten von überall her zu einer neuen Gemeinschaft; der Sinai, der Ort der Gottesbegegnung Israels, ist das Urbild solcher Versammlung, in der Gott spricht und durch den Bund die Menschen zu seinem Volk macht.

Das bedeutet für unsere Frage:

Volk Gottes bezeichnet nicht direkt die Kirche Jesu Christi, sondern das Volk Israel, die erste Phase der Heilsgeschichte. Erst in einer christologischen Transposition […] wird es Hinweis auf die Kirche […] Volk Gottes wird Kirche, wenn es von Christus und vom Heiligen Geist neu versammelt wird.’[2]

In Ratzingers Erinnerungen lesen wir, wie selbstverständlich in seiner Jugend schon die Kirche ist,  wie sie die immer schenkende Gnade spendet, wie das Rhythmus des liturgischen Jahres das ganze Leben bestimmt, wie die Heiligenverehrung völlig natürlich ist und wie das Vorbild der ganz einfachen unter ihnen zur Nachfolge aufruft.[3]

Und so ist es immer geblieben.

Aus der Münchener Zeit des Theologiestudiums erinnert er sich, wie das Dogma nicht als äussere Fessel, sondern als die lebendige Quelle, die überhaupt Erkenntnis ermöglicht, verstanden worden ist. Die Kirche ist für Joseph Ratzinger das Daheimsein der Seele. Sie ist lebendig in der Liturgie und im grossen Reichtum der theologischen Überlieferung.[4] Es ist wie Augustinus gesagt haben würde: Quantum quisque amat Ecclesiam Christi, tantum habet Spiritum Sanctum.[5] Christus und die von dem Heiligen Geiste geführte Kirche gehören zusammen — nach Paulus — wie Bräutigam und Braut (cf. Eph 5,25-27), Haupt und Leib (cf. 1 Kor 12,12-27). Zu scheiden sind Beide nicht, nur zu unterscheiden.

Die Kirche dient Christus: ‘Eben dass wir Dienende sind und nicht selber bestimmen, was Kirche ist.’ Das ist für Ratzinger der Entscheidungspunkt.  Es ist seine Kirche und nicht die unsrige: ‘Wir glauben, dass ER sie will und dass wir versuchen sollen zu erkennen, was ER mit ihr will, und uns in diesen Dienst zu stellen.’[6]

II

Methodisch gibt es Unklarheit über die Einordnung der Ekklesiologie ins ganze der Theologie. Bei ihrer Systematisierung  im Mittelalter, die gegenüber der wesentlich systemfreien Denkform der Väter ist, wurde der locus de ecclesia nicht die Theologie im eigentlichen Sinn, sondern die Kanonistik.  Bei der Einordnung ins Gesamt des gläubigen Denkens wird die überlieferte Zweiheit der Aspekte von populus und corpus, Leben und Struktur, Anstalt und Körperschaft, Charisma und Amt ebenso vor Augen stehen müssen wie das Wissen um die untrennbare Einheit beider Aspekte in der einen Wirklichkeit der Kirche. So Ratzinger in 1961.[7]

Diese Wirklichkeit ist ein der Themen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), besonders in der am 29. November 1964 von Papst Paulus VI. promulgierten Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium.

Wenn man da das Kapitel über den Begriff  Volk Gottes im Kontext des gesamten Textes liest, ‘so sieht man, dass die Volk-Gottes-Aussagen in einem untrennbaren und organischen Zusammenhang  mit allen übrigen grossen Leitworten der ekklesiologischen Überlieferung stehen und mit ihnen zu einer Synthese verschmolzen sind, in der ich eine vollständige Bestätiging der wesentlichen Ergebnisse meines Buches [über Augustin], eine völlige innere Einheit der grundlegenden Sehweise von Kirche finde’.

Auch für das Zweite Vatikanische Konzil ist Ekklesiologie unlöslich an Christologie und Pneumatologie gebunden.  ‘In der nachkonziliaren Publizistik freilich wurde die Aufnahme des Volk-Gottes-Kapitel und seine Vorordnung  vor dem Kapitel über die Hierarchie als Absage an eine christologische Konzeption und als Relativierung der hierarchischen Gestalt von Kirche hingestellt.’[8]

Wie Eusebius van Cäsarea, der Konzilsvater auf dem ersten ökomenischen Konzil der Kirchengeschichte zu Nikäa im Jahre 325, ein neues Pfingsten erwartet hat, so war auch im Jahre 1962 die pfingstliche Hoffnung, das verheissungsvolle Signum, der ersten Tage des Vaticanum II. Das Konzil ein Pfingsten, genau wie Papst Johannes ihn als Wunsch, als Gebet, formuliert hatte. Aber das war damals, schreibt Ratzinger in 1975 — zehn Jahre nach dem Konzil: ‘Die Stimmung ist von Grund auf verändert.’[9] Gewiss bleiben eindeutig positive Auswirken des Konzils, aber die Kirchen, die Priesterseminare, die Klöster sind leerer geworden. Das Klima in der Kirche ist ‘bissig-aggressiv’. Allenthalben zerreissen Parteien die Gemeinschaft, die die Freude am Christlichen bedrohen.  Zeugt diese Einstellung nur von Pessimismus? ‘Nein, die Fakten zu sehen ist nicht Pessimismus, sondern Sachlichkeit.’[10] Ratzinger konstatiert zwei krisenhaften Faktoren, die vom Konzil ausgegangen sind: Es verstand sich erstens als eine grosse Gewissensforschung der katholischen Kirche. Es wollte ein Akt der Bekehrung sein: Die Leidenschaft einem gebrochenen Verhältnis gegenüber der eigenen Geschichte. Und das gibt der zweite Faktor der Krise: Der Bruch im Geschichtsbewusstsein, ‘der selbstquälerische Abschied vom Gewesenen’, brachte den Traum der Befreiung, den Traum des Neubeginns, den Traum des Ganzanderen.[11]

Fünf Jahre vorher, in 1970, hatte Ratzinger, auf Einladung der Katholischen Akademie in Bayern, in einem Vortrag erklärt, warum er noch in der Kirche war. So erregt offenbar war damals das kirchliche Klima, dass fast tausend Zuhörer gekommen waren. Das Konzil klang noch stürmig nach.

‘Misstrauen zieht auf, weil das Sein-in-der-Kirche seine Eindeutigkeit verloren hat und keiner mehr der Aufrichtigkeit des andern zu trauen wagt. […] Die Perspektive der Gegenwart hat unseren Blick auf die Kirche auch  in dem Sinn umgeformt, dass wir Kirche praktisch nur noch unter dem Aspekt der Machbarkeit sehen, unter der Frage, was man daraus machen kann.’[12]

Die Krise des Glaubens ist der eigentliche Kern des Vorgangs. Denn Reform im ursprünglichen Sinn ist ganz nah mit Umkehr und Bekehrung. Aber Kirche ist in ihrem wahren Wesen tief verfremdet. Die Publizitätswirkung des Konzils hat diese Verfremdung aufs äusserste radikalisiert: ‘Gott stirbt in der Christenheit, so scheint es.’[13]

Joseph Ratzinger ist in der Kirche geblieben und Bischof, Kardinal und Papst geworden. ‘Ich bin in der Kirche, weil ich trotz allem daran glaube, dass sie zutiefst nicht unsere, sonder eben SEINE Kirche ist.’ Durch die Kirche bleibt Christus über die Distanz der Geschichte hin lebendig. ‘Glaube ist seinem Wesen nach Kraft der Vereinigung. […] Glaube ist kirchlich oder er ist nicht.’ Denn ‘Christsein kann es nur in der Kirche geben’. ‘Ich bleibe in der Kirche, weil nur der Glaube der Kirche den Menschen erlöst.’ Nicht anders als durch das Kreuz wird der Mensch erlöst. ‘Die Chance des Glaubens ist die Chanche der Wahrheit.’ Und die Vorbedingung des Glaubens ist das Wagnis der Liebe.[14]

III

Schon in 1963, nach der ersten Sitzungsperiode, versuchte Ratzinger eine erste Würdiging der Ergebnisse des Konzils und sprach — auch in München — über ‘Wesen und Grenzen der Kirche’:

Seit dem 13. Jahrhundert hat sich eine tiefgehende Umbildung des Leib-Christi-Begriffes ergeben. Man sprach seither lieber vom mystischen Leib und nicht so sehr vom Leib Christi, sondern vom Leib Ecclesiae: Die Kirche als Körperschaft der Christen. Dieses Kirchenverständnis ist im Mittelalter stark juristisch, ja politisch bestimmt. Die Kirche, mächtig, gross, allenthalben anwesend, sichtbar. Diesem Vorgang der Veräusserlichung setzt die Reformation ihren Gedanken der Verborgenheit der Kirche entgegen. Der Begriff des Leibes Christi wird zu einem Ausdruck für die unsichtbare Innenseite der Kirche umgedeutet. Und damit verschwindet die Leib-Christi-Idee aus dem katholischen Kirchenbegriff.

Erst 300 Jahre später wird der Begriff für das katholische Denken neu entdeckt. Und so standen zwei unterschiedliche ekklesiologische Richtungen gegenüber: die Kirche vom Volkbegriff her gedacht , geprägt vom Tridentinum, und die Kirche vom Leib-Christi-Begriff her gedacht, zugleich auch als Rückgriff auf die Kirchenväter.

Diese neue (oder erneuerte) Sicht der Kirche ist 1943 von Papst Pius XII mit der Enzyklika Mystici Corporis [Christi quod est Ecclesia] bestätigt worden.

Die Nebeneinanderstellung von zweierlei Ekklesiologie konnte nicht so bleiben.  Dazu kommt: Das Innere ist nur wirklich im Äusseren und das Äussere nur im Inneren. Und ist der Volk-Gottes-Begriff nicht umfassender und wirklichkeitsnäher als die ‘Mystik’ des corpus-Begriffes, das zudem misstrauisch betrachtet wird?  Diese Situation met den zwei Ansatzpunkten des Kirchenbegriffes — ‘Volk Gottes’ und ‘Leib Christi’ — hat die Diskussion des Konzils bestimmt.[15]

Was Ratzinger 1963 als Lösung — in Übereinstimmung mit seiner Augustinus-Dissertation — anträgt, führt er (u. a.) mit dem 1991 erschienenen Aufsatz Ursprung und Wesen der Kirche weiter aus:

Hat Jesus die Kirche gewollt? Nicht hat er die Kirche angekündigt, sondern das Reich Gottes, das Reich der Himmel. Das geflügelte Wort von Alfred Loisy lehrt: ‘Jesus verkündigte das  Reich, gekommen ist die Kirche.’ Die Entgegensetzung von Reich und Kirche ist unsachlich und müssen wir nach Ratzinger so umformen: ‘Verheissen wurde das Reich, gekommen ist Jesus.’

Nach jüdischer Auffassung gehört zum Reich Gottes die Sammlung und Reinigung der Menschen für das Reich. Johannes der Täufer sammelt, gerade weil er Bote des nahenden Messias ist, die endzeitliche Gemeinde und reinigt sie. Und der einzige Sinn der gesamten Wirksamkeit Jesu ist die Versammlung des endzeitlichen Gottesvolkes. ‘Das Reich Gottes ist nahe gekommen’ (Mk 1,15) heisst: Gott ist nahe in Jesus. Er ist die Nahe Gottes. Wo er ist, ist das Reich.

Jesus ist gekommen, um das Zerstreute zu sammeln (cf. Joh 11,52; Mt 12,30). Sein ganzes Wirken ist Sammlung des neuen Volkes. Der innere Sammelpunkt is er selbst, Jesus Christus.

Die Bitte der Jünger um ein gemeinsames Jüngergebet drückt ihr Bewusstsein aus, eine neue Gemeinschaft von Jesus her geworden zu sein. In ihrer Mitte steht der festgefügte Kern der Zwölf, deren erste Aufgabe es einfach ist zusammen die Zwölf zu sein: die Urzelle der Kirche. Durch die Bildung des Zwölferkreises stellt sich Jesus als Stammvater eines neuen Israel vor.

Das Pascha Israels wandelt er um in einen ganz neuen Kult. Die Einsetzungsworte der Eucharistie haben immer mit dem Bundesgeschehen zu tun. Die Stiftung der Eucharistie ist Bundesschluss und als Bundesschluss die konkrete Gründung des neuen Volkes:

‘Durch das eucharistische Geschehen zieht Jesus die Jünger in sein Gottesverhältnis hinein und damit auch in seine Sendung, die “Vielen”, auf die Menschheit aller Orte und aller Zeiten zielt. Diese Jünger werden “Volk” durch die Leibes- und Blutsgemeinschaft mit Jesus, die zugleich Gottesgemeinschaft ist.’

Einzig von dieser Mitte her ist es Volk. Und so hat Jesus wirklich die Kirche gewollt.[16]

Das alte Israel hatte im Tempel seinen Mittelpunkt; der Herrenleib ist der neue Tempel der Christen.[17] Der verherrliche Herr selbst ist ja der nach drei Tagen wiederaufgebaute Tempel (cf. Jo 2,19; cf. auch Mt 26,61).

Das Wort ‘Volk Gottes’  als solches bezeichnet allerdings im Neuen Testament fast ausnahmslos das Volk Israel und nicht die Kirche. Dafür wird die Vokabel Ekklesia verwendet.

‘Es bedeutet sowohl die kultische Zusammenkunft wie die örtliche Gemeinde, wie die Kirche in einem grosseren geographischen Bereich, wie endlich die einzige Kirche Jesu Christi selbst. […] Immer ist es der Herr, der sich in seinem einen Opfer sein eines und einziges Volk sammelt. An allen Orten ist es Sammlung des einen.’

Durch die Taufe sind wir in Christus eingefügt, nicht mehr viele nebeneinander, sondern ein einziger in Christus Jesus. So Paulus (cf. Gal 3,16.26-29). Der neutestamentliche Volk-Gottes-Begriff ist Christocentrisch,  konkret in den Sakramenten der Taufe und der Eucharistie. Vom auferstandenen Christus sagt Paulus: ‘Der Herr ist der Geist’ (2 Kor 3,17). Im Geist sagen wir mit Christus zusammen ‘Abba’, weil wir Söhne geworden sind (cf. Röm 8,15; Gal 4,6).

Also folgert Ratzinger, dass Paulus gar nichts Neues schafft, wenn er die Kirche ‘Leib Christi’ nennt; ‘er bietet nur eine Kurzformel für das, was von Anfang an das Werden von Kirche prägte’.[18]

‘Die Kirche ist Leib Christi, weil sie den Leib des Herrn im Herrnmahl empfängt und von dieser Mitte her lebt.’ So Ratzinger in 1963: ‘Mit corpus Christi wird die Kirche geschildert als die Gemeinschaft derer, die miteinander Herrenmahl feiern.’ Zugleich wird ausgedrückt die Einheit und Untrennbarkeit von aussen und innen der Kirche: ‘das Sein der Kirche als sacramentum Dei in dieser Welt.’ Nicht umsonst haben die Väter die Kirche als corpus verum bezeichnet und die Eucharistie als corpus mysticum [mysticum = sacramentale].

Von der Eucharistie her erbaut die Kirche sich. Ohne Eucharistie kann die Kirche nicht verstanden werden.[19]

‘Wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus.’ (1 Kor 11,12)

Die eigentlichen Wurzeln des paulinischen Leib-Christi-Gedankens sind durchaus innerbiblisch. Drei Ursprünge sind in der biblischen Überlieferung festzustellen: Die semitische Vorstellung von der ‘Korporativpersönlichkeit’ (z.B. ‘Wir alle sind Adam’). Darüber hinaus die zwei konkreteren Wurzeln:

Die eine liegt in der Eucharistie: ‘Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir haben alle teil an dem einen Brot.’ (1 Kor 10,16-17) —  Der Herr gibt uns sich selbst. Christus wird unser Brot, unsere Nahrung in der Kommunion.

Die dritte Wurzel ist der Idee der Brautschaft, der biblischen Philosophie der Liebe (cf. Gen 2,24; Eph 5,25-27), die von der eucharistischen Theologie untrennbar ist; denn in der Kommunion werden wir ein Geist mit dem Herrn (cf. 1 Kor 6,17).

Die Kirche ist Leib ‘nicht in unterschiedsloser Identität, sondern durch den pneumatisch-realen  Akt der vermählenden Liebe’. Sie bleibt Magd, die Christus liebend zur Braut erhebt. ‘Der relationale und der pneumatologische Charakter des Leib-Christi- und des Brautgedankens wird sichtbar und damit auch der Grund dafür, dass Kirche nie fertig ist, sondern immer der Erneuerung bedarf.’[20]

IV

 In Lumen gentium (1) wird die Kirche veluti sacramentum genannt, nicht tout court sacramentum. Warum nicht? Behutsamkeit. Aber schon vorher haben die deutschen Theologen  — unter ihnen der junge Theologe Ratzinger — über die Kirche schlechthin als ‘sacramentum’ gesprochen. Noch zweimal weiter in der Kirchenkonstitution erscheint die Kirche als Sakrament, aber dan ohne ‘veluti’: als sacramentum visibile (9) und als universale salutis sacramentum (48).

Also: die Kirche wird dreimal als Sakrament in Lumen gentium ernannt:

Ecclesia […] in Christo veluti sacramentum seu signum et instrumentum intimae cum Deo unionis totiusque generis humani unitatis (LG 1).

Deus congregationem eorum qui in Iesum […] convocavit et constituit Ecclesiam, ut sit universis et singularis sacramentum visibile huius salutiferae unitatis (LG 9). Christus […] Spiritum suum vivificantem in discipulos immisit et per eum corpus suum quod est Ecclesia ut universale salutis sacramentum constituit (LG 48).

Während das Stichwort Volk-Gottes sich nach dem Konzil mit Windeseile ausbreitete — so selbst, dass man mehr über das Volk hörte als über Gott (füge ich (A.B.) hinzu) — is das Wort Sakrament in niemands Munde, obwohl der Volk-Gottes-Begriff nur auf dem Untergrund des Sakramentsbegriffs zu einer sinnvollen Aussage werden kann. So die (wiederholte) öffentliche Klage Ratzingers in 1977.[21] Die Klage ist noch die gleiche zehn Jahre später: ‘Der Gedanke der Kirche als Sakrament ist noch kaum ins Bewusstsein getreten.’[22]

Es gibt nicht nur die sieben Sakramente. Auch die Kirchenväter benannten die Kirche als Sakrament. ‘Die Kirche ist das unauflösbare Sakrament der Einheit’ (Cyprian). Die Einzelsakramente verweisen auf das Sakrament der Einheit zurück. ‘Das sakrament Gottes ist nichts und niemand als Christus’ (Augustin).

Also ist die Kirche das Sacrament Christi. Und von da aus kann man sagen: Christus ist das Ursakrament, die Kirche das Grundsakrament. Sie ist das Sakrament in den Sakramenten, die selbst wieder die Vollzugsweise der Sakramentalität der Kirche sind. Kirche und die sieben Sakramente deuten sich gegenseitig in Christus.[23]

Das Nicht-Volk kann zum Volk Gottes nur werden durch die Kommunion mit Christus. Ohne christologische Vermittlung ist die Selbstbezeichnung als Volk Gottes Anmassung.[24]

‘Kirche ist Communio; sie ist das Kommunizieren Gottes mit den Menschen in Christus und so der Menschen untereinander und damit Sakrament, Zeichen und Werkzeugs des Heils. Kirche ist Eucharistie-Feiern, Eucharistie ist Kirche; beides steht nicht nebeneinander, sondern ist dasselbe; von da strahlt alles andere aus.’[25]

Aber wer gehört zur Communio der Kirche?

Es gibt freilich unterschiedliche  Formen der Zugehörigkeit zur Kirche, aber jeder Getaufte hat Anteil an der Kirche. Dabei bleibt entscheidend, dass das Christsein der getrennten Brüder anerkannt und zugleich die Wunde der Kirche, die in ihrer Trennung liegt, nicht verschwiegen wird. Denn das Wesen des Christusgeschehens ist die Vereinigung, das Wieder-zusammen-führen der verstreuten Glieder der Menschheit zu einem Leib.[26]

Vor und im Anfang des Konzils hat man sich schon gefragt, ob das Bild vom mystischen Leib als Ausgangspunkt für die Kirchenkonstitution nicht zu eng sei. Und so ist man auf das Wort vom Volk Gottes gestossen als weiträumiger und beweglicher. So kann man sagen, dass der Begriff Volk Gottes vom Konzil vor allem als ökumenische Brücke eingeführt worden ist.

Kirche ist nicht identisch mit Christus, sondern ihm gegenüber. Wir sind das wanderende Gottesvolk. Kirche ist noch nicht am Ziel. Hier werde der geschichtliche Charakter der Kirche deutlich. Das heisst auch: die Vorläufigkeit und Gebrochenheit der immer erneuerungsbedürftigen Kirche und endlich auch die ökumensiche Dimension. Die Christen sind nicht einfach Volk Gottes. Wir werden es nur in der lebendigen Zuordnung zu ihm und nur in diesem Kontext hat der Begriff Gottes Volk Sinn.[27]

Für die Ostkirchen ist die Pneumatologie, die Lehre vom Heiligen Geist, ein Zentralstück der Theologie. Sie empfinden  als den zentralen Mangel  unserer westlichen Theologie die Reduktion auf Christologie und den Ausfall der pneumatischen Dimension. Warum nicht weniger eine Ekklesiologie des Leibes und mehr eine Ekklesiologie der Begegnung, der Freiheit, in der der Akzent auf dem Ereignis des sich frei zur Geltung bringenden Geistes liegt, in der weiterhin die charismatische Struktur der Kirche in den Vordergrund rückt, damit auch die Vielfalt zur Geltung kommt, die die Frucht der Freiheit ist?

Wenn man in die Bibel hineinsieht, zeigt sich sofort, dass es dort einen solchen Gegensatz zwischen Leib und Geist nicht gibt, weil das Reden vom Leib Christi, auf die Kirche angewandt, im Neuen Testament von den Abendmahlstexten und  von der Auferstehung her zu verstehen ist.

Nach seiner Auferstehung besteht Jesus als sarx nicht mehr, nur noch als verherrlichter Herr und er bleibt unter uns im Heiligen Geist: als soma Christi. Und genau dieser Leib (soma) bedeutet das Abendmahlswort: ‘Dies ist mein Leib, der für euch gegebene’.  Das soma Jesu, seine Form der Leibhaftigkeit, ist pneuma.[28]

Nach der Kirchenkonstitution ist erst dann jemand ein volles Mitglied der Kirche, wenn er auch den Geist Christi hat. Das bedeutet, dass in der Bestimmung der vollen Zugehörigkeit  zur Kirche ein pneumatisches, der Gnadenordnung zugehöriges Element mit einbezogen worden ist. Das heisst, dass die institutionellen Realitäten nicht in sich stehenden Dinge, sondern sich tranzendierende Bewegungen ‘auf das Ganze hin’ sind.  Damit ist nach dem Wort Hans Urs von Balthasars ‘dort am meisten Kirche, wo am meisten Glaube, Liebe und Hoffnung, am meisten Selbstlosigkeit und Trager der anderen sich findet’. Diese Erkenntnis führt den Streit um die Kirchengliedschaft und um das Kirchesein der Kirchen in eine neue Richtung. ‘Mindestens zeigt sie die Beschränkung des bloss institutionalistischen Streites, der doch immer nur die Ordnung der Mittel betrifft.’[29]

Im Jahre 2000 erscheint — ganz unerwartet für die meisten ökomenisch Orientierten — die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre Dominus Iesus, das Dokument ‘Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche’. Die Kapitel IV und V betreffen die Kirche selbst: ‘Einzigkeit und Einheit der Kirche’ (IV) und ‘Kirche, Reich Gottes und Reich Christi’ (V).

‘Auf der einen Seite ist die Kirche “Sakrament” , dass heisst Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit.’ (LG 1) ‘Auf der anderen Seite ist die Kirche “das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk.”‘ (LG 4)[30]

‘Dies ist die einzige Kirche Christi […] Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht [subsistit in (LG 8[31]] in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Mit dem Ausdruck subsistit in wollte das Zweite Vatikanische Konzil zwei Lehrsätze miteinander in Einklang bringen: auf der einen Seite, dass die Kirche Christi trotz der Spaltungen der Christen voll nur in der katholischen Kirche weiterbesteht, und auf der anderen Seite, “dass ausserhalb ihres sichtbaren Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind” (UR 3), nämlich in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. Bezüglich dieser Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften ist festzuhalten, dass “deren Wirksamkeit sich von der der katholischen Kirche anvertrauten Fülle der Gnade und Wahrheit herleitet” (UR 3).’[32]

‘Die kirchlichen Gemeinschaften […] sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn.’[33]

Die Kirche ‘voll nur in der katholischen Kirche’ einerseits und ‘die kirchlichen Gemeinschaften nicht Kirchen im eigentlichen Sinn’ andererseits: Diese beiden Sätze aus der Erklärung über die Glaubenslehre haben die Klarheit — so charakteristisch für die Glaubenskongregation in der Periode Joseph Ratzingers — gefördert und die ökumenischen Debatten verschärft.[34] Dies alles nur um die Wahrheit (cf. Joh 14,6), dessen Mitarbeiter Ratzinger ist (cf. 3 Joh 8 ), betend und studierend näher auf der Spur kommen zu können.

[1] Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald (München 1996) 69-70.

[2] Joseph Ratzinger, Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche [1954] (Erzabtei St. Ottilien 1992) xiii-xiv; cf. xii.

[3] Cf. Joseph Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977) (Stuttgart 1978) 10-12, 21-23.

[4] Cf. ibidem 63-64.

[5] So wiedergegeben in den beiden Speisesaalsfenstern des Priesterkollegs Santa Maria dell’ Anima in Rom.

[6] Ratzinger (Anmerkung 1) 86.

[7] Cf. Joseph Ratzinger, Kirche (III. Systematisch) in: LThK (1961) 173-183. Ratzingers ganze Auffassung der Ekklesiologie  steht hier schon in nuce zusammen, worüber er in der Zeit des Konzils und nachher  immer wieder publizieren wird.

[8] Ratzinger (Anmerkung 2) xix.

[9] Joseph Ratzinger, ‘Bilanz der Nachkonzilszeit — Misserfolge, Aufgaben, Hoffnungen’ in: Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie (1982) (Donauwörth 2005) 384.

[10] ibidem 386-387.

[11] ibidem 388.

[12] Joseph Ratzinger, ‘Warum ich noch in der Kirche bin’ (1970) in: Grundsatz-Reden aus fünf Jahrzehnten, Herausgegeben von Florian Schuller (Regensburg 2005) 104-105.

[13] Ibidem 107.

[14] Ibidem 112-117.

[15] Cf. Joseph Ratzinger, ‘Wesen und Grenzen der Kirche’ (1963) in: Grundsatz-Reden aus fünf Jahrzehnten. Herausgegeben von Florian Schuller (Regensburg 2005) 87-92.

[16] Joseph Kardinal Ratzinger, ‘Ursprung und Wesen der Kirche’ (1991) in: Vom Wiederauffinden der Mitte. Grundorientierungen. Herausgegeben vom Schülerkreis (Freiburg 1997) 135; cf. 130-134.

[17] Cf. Joseph Ratzinger, Das neue Volk Gottes (Düsseldorf 1969) 79.

[18] Ratzinger (Anmerkung 16) 136-138.

[19] Ratzinger (Anmerkung 15) 94-95. Cf. in diesem Rahmen auch Johannes Paul II., Ecclesia de Eucharistia. Enzyklika über die Eucharistie in ihrem Verhältnis zur Kirche (2003).

[20] Ratzinger (Anmerkung 16) 138-142.

[21] Cf. Joseph Ratzinger, ‘Die Kirche als Heilssakrament’ (1977) in: Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie (Donauwörth 2005) 47.

[22] Joseph Ratzinger, ‘Kirche als Volk Gottes’ (1987) in: Vom Wiederauffinden der Mitte. Grundorientierungen. Herausgegeben vom Schülerkreis (Freiburg 1997) 147.

[23] Cf. Ratzinger (Anmerkung 21) 45-52.  Cf. auch Otto Semmelroth, Die Kirche als Ursakrament [sic] (Frankfurt am Main [1953]).

[24] Cf. ibidem 57.

[25] Ibidem 55.

[26] Cf. Ratzinger (Anmerkung 15) 98-101.

[27] Cf. Ratzinger (Anmerkung 22) 144-146.

[28] Cf. Joseph Ratzinger, ‘Kirche als Tempel des Heiligen Geistes’ (1967) in: Vom Wiederauffinden der Mitte. Grundorientierungen. Herausgegeben vom Schülerkreis (Freiburg 1997) 148-152.

[29] Ratzinger (Anmerkung 28) 155; cf. 153.

[30] Dominus Iesus V 18.

[31] Cf. Alexandra von Teuffenbach, Die Bedeutung des subsistit in (LG 8). Zum Selbstverständnis der katholischen Kirche (München 2002).

[32] Dominus Iesus IV 16.

[33] Dominus Iesus IV 17.

[34] Cf. zum Beispiel: Dominus Iesus. Anstössiche Wahrheit oder anstössiche Kirche? Herausgegeben von Michael J. Rainer (Münster [2001]).