Antoine Bodar

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Gott glaube Vernunft

1 december 2016 |  Antoine Bodar |  Ratzinger-studies

‘Eine Sternstunde der grossen deutschen Universitätstradition’ hat Gerhard Kardinal Müller die von Papst Benedikt XVI. gehaltene Regensburger Vorlesung genannt: ‘Das rechte Wort, zur rechten Zeit, am rechten Ort.’ Zehn Jahre nach der päpstlichen Rede, am 12. September 2016, versieht der damalige Bischof von Regensburg und jetziger Präfekt der Glaubenskongregation sie met aktuellen Deutungen. Um das zu gedenken ist er nach dieser Bischofsstad und dem von Joseph Ratzinger geliebten Ort zurückgekehrt: Die Rede war ein ‘Manifest des Dialogs der Religionen und Kulturen auf der Grundlage der Vernunft’. Sei nicht der ursprünglichste Gedanke der Vernunft ‘das Staunen , dass es mich und die ganze Welt gibt’? Und sei nicht das Wesentliche der religiösen  Erfahrung ‘das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer und das unendliche Vertrauen in seine Vorsehung’? ‘Die Theologie gehört integral in das Gefüge der Universität, weil sie mit allen Wissenschaften verbunden ist durch die Vernunft als Prinzip und Kriterium ihrer Erkenntnisse.’ So Müller.[1]

I

Im Anfang seiner Vorlesung erinnert Benedikt XVI. daran, dass es jedes Semester an der Regensburger Universität einen sogenannten Dies academicus gab, an dem sich Professoren aller Fakultäten den Studenten der gesamten Universität  vorstellten und so ‘ein Erleben von Universitas‘ möglich wurde — die Erfahrung nämlich, dass die akademische Gemeinschaft in allen Spezialisierungen doch im Ganzen der einen Vernunft mit all ihren Dimensionen arbeitet und so auch in einer gemeinschaftlichen Verantwortung für den rechten Gebrauch  der Vernunft steht. Stolz war die Universität auch auf ihre beiden Theologischen Fakultäten, weil auch sie, ‘indem sie nach der Vernunft des Glaubens fragen, eine Arbeit tun, die notwendig zum Ganzen der Universitas scientiarum gehört’.[2]

Das Thema der Vorlesung ist dem Verhälnis Glaube und Vernunft gewidmet, nicht dem Islam, obwohl jetzt nach zehn Jahren desto mehr etwas Prophetisches steckt im vom Papst gewählten Zitat aus dem Dialog zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos und dem persischen, also muslimischen Gelehrten. Wie erklären die Führer des Islams die Verwendung von Gewalt, sich überlegend, dass Mohammeds Schwert in Istanbul noch immer nicht nur bewahrt, sondern auch verehrt bleibt. Die Anführung des damals oft kritisierten Satz bringt die heutige, gewalttätige Situation mit den Islamisten genau ins Zentrum der Auseinandersetzungen. Schon in jener Zeit hat zum Beispiel der amerikanische Essayist Lee Harris, Autor der Bücher ‘Civilisation and its Enemies’ (2004) und ‘The Suicide of Reason’ (2007) Papst Benedikt gepriesen wegen seiner ‘ergreifenden und tapferen Ansprache’.[3]

Ein Krieg mit all seinen Gräueltaten könne niemals heilig und somit Gott gefällig sein. Die Verbreitung des Glaubens geschehe stattdessen nur über die Einsicht und Freiheit des Menschen. So noch mal der Präfekt der Glaubenskongregation in Regensburg: ‘Darauf müssen die massgeblichen politischen und religiösen Autoritäten in den islamisch geprägten Kulturen und Staaten eine Antwort finden: wie die sogenannten Schwertverse des Koran mit dem in der Natur des Menschen grundgelegten Recht auf Freiheit im Glauben zu vereinbaren ist.’

In der siebten Gesprächsrunde kommt der Kaiser auf das Thema des Heiligen Krieges zu sprechen und wendet sich ganz einfach ‘in erstaunlich schroffer, für uns unannehmbahr schroffer[4] Form’ mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an den persischen Gelehrten. Er sagt:

‘Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden, wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.’ Dieser Satz drückt nicht meine eigene Haltung dem Koran gegenüber, entschuldigt sich der Papst in einer Anmerkung. Es ging ihm einzig darum, ‘auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft hinzuführen’. Und der Text selbst verfolgt: Glaubensverbreitung durch Gewalt is widersinnig. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. ‘Gott hat kein Gefallen am Blut.’ Und: “Nicht vernunftgemäss — nicht sun logoo [logisch] zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung […]’ Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Gewalt durch Gewalt — so Benedikt — lautet: ‘Nicht vernunftgemäss handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.’ Und in einer Fussnote fügt er hinzu: ‘Einzig um dieses Gedankens willen habe ich den zwischen Manuel und seinem persischen Gesprächtspartner geführten Dialog zitiert.’ Und der Papst verfolgt in seiner Ansprache: ‘Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden, und sei es die der Vernünftigkeit.’

Papst Benedikt hat zitiert — so sagt er — aus der Herausgabe des Dialogs von dem moslemischen Gelehrten Adel Theodor Koury, der seinerseits einen Islamologen zitiert, der darauf hinweist, ‘dass Ibn Hazm so weit gehe, zu erklären, dass Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und dass nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren’.[5]

II

Achtunddreissig  führende Persönlichkeiten in der moslemischen Welt publizieren sofort nach der gehaltenen Regensburger Rede einen offenen Brief an Papst Benedikt XVI.[6] Über Gottes absoluten Transzendens schreiben sie: ‘You say that “for Muslim teaching, God is absolutely transcendent”, [that is] a simplification which can be misleading.’  Und: ‘In the Islamic spiritual, theological, and philosophical tradition, the thinker you mention, Ibn Hazm is a worthy but very marginal figure.’[7] Und: ‘To say that for Muslims “God’s Will is not bound up in any of our categories” is also a simplification which may lead to misunderstanding.’

Jihad, it must be emphasized,  means struggle, and specifically struggle in the way of God. This struggle may taken many forms, including the use of force. […] If a religion regulates wars and describes circumstances where it is necessary and just, that does not make that religion war-like.’ Und über dem Verhältnis Glaube und Vernunft: ‘The dichotomy between “reason” on one hand and “faith” on the other does not exist in precisely the same way in Islamic thought.[8] Rather, Muslims have come to terms with the power and limits of human intelligence in their own way, acknowledging a hierarchy of knowledge of which reason is a crucial part. […] In their most mature and mainstream forms the intellectual explorations of Muslims through the ages have maintained a consonance between the truths of the Quranic revelation and the demands of human intelligence, without sacrificing one for the other.’

Adel Theodor Khoury hat sich dann in seinem Kommentar auf die Regensburger Vorlesung die Frage gestellt: ‘Ist Gott ein absoluter, ungebundener Wille?’[9] Zum Thema Gewalt und Frieden will er sich nicht äussern. Darüber gibt es genügend Literatur, auch von ihm selbst. So Khoury. Nur vom Thema Religion und Vernunft will er schreiben:

‘Selbstverständlich wird im Islam die Bedeutung der Vernunft und der logischen Argumentation betont, und zwar im Koran, in der Tradition des Propheten Muhammad, bei den Theologen und den Philosophen des Islams.’ Aber das Thema, mit dem sich Benedikt XVI. auseinandersetzt, ist das Gottesbild. Entspricht ein streng voluntaristisches Gottesbild wirklich dem Wesen Gottes? ‘Wonach die Theologie im Islam in Bezug auf Gott vor allem fragt, ist nicht sein Wesen, sondern sein Wille. Was sie durch die Offenbarung weiss und immer wieder festzustellen sucht, ist sein Wirken. Das Betätigungsfeld der Offenbarung ist vor allem das Tun der Menschen, die Lebenspraxis.’ Gott ist nicht in erster Linie ‘das Notwendige Sein’, sondern der unbedingte Wille. Seine Offenbarung will die Heilswahrheit deutlich machen. In seinem Wesen ist er ‘der absolut Transzendente, zu dem kein Zugang besteht’. Im Mittelpunkt der islamischen Theologie steht ‘das Tun seines uneingeschränkten Willens, und als Antwort darauf das Leben des Menschen im Angesicht Gottes, in der Hingabe an seinen souveränen Willen, in der Unterwerfung unter seine Verordnungen […]’

Die Konsequenzen dieser Gottesvorstellung sind weitreichend:

‘Gott als unbedingter Wille ist der absolut freie Herr über das Leben in seiner Gesamtheit. Das bedeutet im Einzelnen, dass Gott der Herr der Wahrheit ist, der souveräne Herr, dessen Wille die Normen des Wahren festsetzt. […] Somit verlieren die metaphysischen und logischen Grundsätze der menschlichen Vernunft ihre universale Gültigkeit.’ Aber Gott is nicht nur der Herr der Wahrheit, er ist zudem der Herr des Heils. ‘Sein Wille bestimmt das Schicksal, den Lebenslauf und die Endbestimmung des Menschen. Heil und Verdammnis sind freie Entscheidungen seines souveränen Willens.’[10] Gott ist auch der absolute Herr des Guten, er ist dennoch kein willkürlicher Despot. Er ist vor allem der Herr des Lebens, der sich den Menschen zuwendet und ihr Leben mit Barmherzigkeit und Wohlwollen begleitet. ‘Das ist das Korrektiv [sic] für die unbeschränkte, nicht hinterfragbare Souveränität Gottes.’

III

Also ist Gott ‘ein absoluter, ungebundener Wille’, wie Khoury Papst Benedikt bestätigt.

An dieser Stelle tut sich nach Einsicht des Papstes ein Scheideweg im Verständnis Gottes auf und er fragt sich: ‘Ist es nur griechisch, zu glauben, dass vernunftwidrig zu handeln dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, dass an dieser Stelle der tiefe Einklang zwichen dem, was im besten Sinn griechisch ist, und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar wird.’[11]

‘Nicht “mit dem Logos” handeln ist dem Wesen Gottes zuwider’, bestätigt der Papst den Ausspruch des byzantinischen Kaisers. Dennoch ist der Scheideweg im Verständnis Gottes in der Theologie der Kirche nicht absolut.  Der Redlichkeit halber ist anzumerken, so Benedikt, dass im Spätmittelalter bei Johannes Duns Scotus eine Position des Voluntarismus beginnt, die dahin führte zu sagen: ‘wir kennten von Gott  nur seine Voluntas ordinata. […] Hier zeichnen sich Positionen ab, die denen von Ibn Hazm durchaus nahekommen  können und auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist. Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, dass auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind […]

Demgegenüber hat der kirchliche Glaube immer daran festgehalten, dass es zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt […]’[12]

In seiner Katechese am 7. Juli 2010 spricht Papst Benedikt über ‘Freiheit in Wahrheit: Die Lehre des seligen Duns Scotus’ und er preist den Doctor subtilis wegen seiner Betrachtung des zentralen Geheimnisses der Menschwerdung Gottes und wegen seiner Argumentation, dass dank der von Christus bewirkten Gnadenfülle seine jungfräuliche Mutter schon im voraus von jedem Makel der Sünde bewahrt wurde.  Zugleicherzeit geht von seiner Kaechese eine Warnung aus , weil Duns Scotus einen Punkt entfaltet hat, ‘demgegenüber die Moderne sehr empfindsam ist’:

‘Unser Autor betont die Freiheit als eine Grundeigenschaft des Willens und initiiert auf diese Weise eine Einstellung voluntaristischer Tendenz, die sich im Gegensatz zum sogenannten Intellektualismus eines Augustinus und eines Thomas entwickelte. Für den heiligen Thomas von Aquin, der dem heiligen Augustinus folgte, kann die Freiheit nicht als eine dem Willen eingeborene Eigenschaft betrachtet werden, sondern als Frucht der Zusammenarbeit des Willens und des Verstandes. […] Der Wunsch, die absolute Transzendenz und Underschiedenheit Gottes mit einer derart radikalen und undurchdringlichen Akzentuierung seines Willens zu retten, zieht nicht in Betracht, dass der Gott, der sich in Christus offenbart hat, der Gott-Logos ist, der volle Liebe zu uns gehandelt hat und handelt.’[13]

IV

Das innere Zugehen aufeinander, das sich zwischen biblischem Glauben und griechischem philosophischem Fragen vollzogen hat, ist ein weltgeschichtlich entscheidener Vorgang, der uns auch noch heute in die Pflicht nimmt. Es ist nicht verwunderlich, dass das Christentum trotz seines Ursprungs im Orient schliesslich seine geschichlich entscheidende Prägung in Europa gefunden hat. ‘Diese Begegnung, zu der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man mit Recht Europa nennen kann.[14]

‘Europa ist kein geographisch deutlich fassbarer Kontinent, sondern ein kultureller und historischer Begriff.’ Aber jetzt ist Europa in grosser Krise. Sie will ihre eigene Identität nicht mehr verstehen. Und wer die eigene Identität nicht mehr kennen lernen kann, sieht auch nicht mehr ein, wie Europa kulturell und historisch gewachsen ist. Es gibt ‘einen merkwürdigen und nur als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass des Abendlandes, das sich zwar lobenswerterweise fremden Werten verstehend zu öffnen versucht, aber sich selbst nicht mehr mag, von seiner eigenen Geschichte nur noch das Grausame und Zerstörische sieht, das Grosse und Reine aber nicht mehr wahrzunehmen vermag’.[15] Die Einzigkeit von Europa in ihrer entscheidenden Prägung des Christentums und der Kirche wird darum jetzt vernachlässigt.

Zu dieser Krise nun kommen dann die Wellen der Enthellenisierung in der Geschichte und in unserem Zeitalter.

‘Der These, dass das kritisch gereinigte  griechische Erbe wensentlich zum christlichen Glauben  gehört, steht die Forderung nach der Enthellenisierung des Christentums entgegen.’ Diese Enthellenisierung ist geschehen in drei Wellen: die Reformation mit ihrem Sola Scriptura, die Philosophie Kants, der den Glauben ausschliesslich in der praktischen Vernunft verankert sieht mit bei ihm anschliessend die liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts.  Und dann die dritte Enthellenisierungswelle heute: Angesichts der Begegnung mit der Vielheit der Kulturen in der Welt sei die Synthese mit dem Griechentum nur eine erste Inkulturation des Christlichen gewesen, auf die man die anderen Kulturen nicht festlegen dürfe. ‘Ihr Recht müsse es sein, hinter diese Inkulturation zurückzugehen auf die einfache Botschaft des Neuen Testaments.’

Dennoch ist das Neue Testament griechisch geschrieben und ‘trägt in sich selber die Berührung mit dem griechischen Geist, die in der vorangegangenen Entwicklung des Alten Testaments gereift war’. Darum wiederholt Papst Benedikt noch einmal, dass ‘die Grundentscheidungen, die eben den Zusammenhang des Glaubens mit dem Suchen der menschlichen Vernunft betreffen’, zu diesem Glauben selbst gehören und seine ihm gemässe Entfaltung sind.[16]

Papst Benedikt hat also auch die Reformation mit kritischen Worten bedacht.

Wolfgang Huber, damaliger Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg reagierte in der Frankfurter Allgemeine Zeitung am 31. Oktober 2006.[17] Er bestätigt, dass Glaube und Vernunft zusammen gehören. Aber auf die vom Papst signalierte Enthellenisierungswelle der Reformation geht er überhaupt nicht ein. Er beschränkt sich dazu sich zu äusseren über Glaube und Vernunft, die gehören ‘zu den bestimmenden Merkmalen des Protestantismus’. Er wählt Friedrich Daniel Schleiermacher — ‘der Liebhaber Athens wie Jerusalems’ — als derjenige, der die Auseinandertretung des Gottes der Philosophen und des Gottes der Bibel schlicht als Katastrophe empfindet. Und obwohl Martin Luther sich gegen einen Herrschaftsanspruch der Philosophie über die biblische Botschaft zur Wehr setzte und dabei auch vor der Rede von der ‘Hure Vernunft’ nicht zurückschreckte,  war dieser Reformator doch zugleich von der Überzeugung bestimmt, dass die Vernunft mit all ihrem Vermögen der Erkenntnis der biblischen Wahrheit zu dienen habe.

Der zweiten Welle der vom Papst bestimmten Enthellenisierung  gegenüber, die seiner Einsicht nach anfängt mit Immanuel Kant, hat Huber kritisiert: Hat Kant wirklich das Denken beiseite schaffen müssen, um den Glauben Platz zu machen? Zeigt er nicht nur, dass Gott den Rahmen unserer raumzeitlich geprägten Weltzugänge prinzipiell übersteigt?[18] ‘Damit wird nicht die Idee Gottes, sondern die Reichweite der Erfahrungswissenschaften eingeschränkt. […] Gottes Überlegenheit über die Schöpfung wird dadurch neu zur Sprache gebracht. So reisst Kant Vernunft und Glauben nicht etwa auseinander, sondern bahnt einen Weg dazu, dass der Gottesgedanke auch vor dem Forum der philosophischen Vernunft Bestand haben kann.’ Und was der dritten Welle angeht: ‘Gewiss ist der Relativismus eine besondere Gefährdung der Moderne. […] Doch man braucht nicht dem neuzeitlichen Vernunftbegriff insgesamt den Abschied zu geben, um sich der Gegenkraft zu vergewissern, die gegen einen solchen Relativismus in Anspruch genommen werden kann: Glaube auf der Suche nach Einsicht. […] Der Protestantismus orientiert sich am Leitbild des mündigen Christen, der in der Lage ist über seinen Glauben Auskunft zu geben.’[19]

V

Die Selbstkritik der modernen Vernunft ‘schliesst ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden’, fängt Papst Benedikt den Schluss seiner Regensburger Rede an. ‘Das Grosse der modernen Geistesentwicklung wird ungeschmälert anerkannt.’

Das Ethos der Wissenschaft ist ‘Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck einer Grundhaltung, die zu den wesentlichen Entscheiden des Christlichen gehört.’ Es geht dabei um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und Vernunftgebrauchs. Vernunft und Glaube sind dazu bestimmt auf neue Weise zueinanderzufinden. Und wir müssen ‘die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen’.

‘Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fahig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zogehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoss gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen.’

Für die Philosophie und auch für die Theologie ist das Hören auf die grossen Erfahrungen und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit — ‘besonders aber des christlichen Glaubens’ — eine Erkenntnisquelle.

‘Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Relgionen in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.’[20]

Kräftig und scharf, klar und nüchtern  auf die Ansprache des Papstes hat Herbert Brekle, Professor-emeritus an der Philosophischen Fakultät der Universität Regensburg reagiert. Die Fragen ‘nach unserem Woher und Wohin’ finden innertheologisch ihre Antwort im Glauben; sie können ‘weder in einer “strengen” Philosophie noch in den Naturwissenschaften einen Platz finden’. ‘Die “letzte Frage”: “Warum ist nicht nichts?” muss mit allen ihren Implikationen als sinnlos betrachtet werden; das ist Teil unserer conditio humana.’

‘Verneint werden muss Benedikts Behauptung, dass Ethos im Raum der Wissenschaft keinen Platz finden könne und “ins Subjekive verlegt werden” müsse […] Verkannt werde dabei die Jahrtausende alten Bemühungen und Ergebnisse der Philosophie […] Benedikts Behauptung, dass dies einfach nicht ausreiche, findet so keine Begründung mehr.’

‘Der von Benedikt XVI. programmatisch geforderte und im biblischen Glauben verankerte “Mut zur Weite der Vernunft” könnte sich nur dann als fruchtbar erweisen, wenn von Seiten der Theologie von Absolutheits- und Prioritätsansprüchen Abstand genommen wird […] Will er diese Position aufrechterhalten, müsste er in der Lage sein, die von ihm geforderte “Weite der Vernunft” in einem Rahmen […] für die menschliche Vernunft nachvollziehbar plausibel unterzubringen.’

Ein weiterer Punkt in Benedikts Vorlesung, ist die hervorgehobene Rolle für Religionen. ‘Hier wird offenbar vorausgesetzt, dass Religionen essentielle und dominierende Bestandteile aller Kulturen seien. Die Gültigkeit dieser Prämisse kann aus rein empirischen Gründen bezweifelt werden.’

‘Ein säkular orientierter interkultureller Dialog’, so Brekle in seiner wissentschaflichen Skepsis, bietet ‘Aussichten für einen friedlicheren Verkehr zwischen Gesellschaften verschiedener politischer Struktur und ihren je eigenen kulturellen Eigenschaften’.[21]

Nicht negativ, sondern positiv hat die Philosophe Gesine Schwann über die Vorlesung des Papstes geschrieben. Ihre These lautet: ‘Die gegenwärtige Wissenschaft braucht Religion zu ihrer Befreiung.’ Denn sie ist jetzt unfrei. Die überwältigende Gros der Wissenschaftsfinanzierung folgt der Logik ertragreichen Wirtschaftens. Damit wird Wissenschaft zu sehr abhängig von dem Markt. Dazu kommt die gezwungene Superspezialisierung, womit der Überblick auf das Ganze verlorengeht. Aber der zentrale Grund für die Unfreiheit liegt ‘im sozial bedingten mentalen Verlust der Verpflichtung auf eine verbindliche und umfassende Wahrheit’. Religion befreit Wissenschaft ‘dann und in dem Masse, wie sie sie gegen Partikularinteressen […] durch die Verpflichtung auf einen transzendenten Wahrheitsanspruch feit. Wahrheit von begründeten Aussagen ist hierbei als ganzheitlicher Horizont […] und insofern als unabschliessbares Kommunikationsgeschehen bestimmt.’[22]

Die Regensburger Philosophen Busse und Rott sehen die Rede Benedikts als Fortsetzung der Enzyklika Fides et Ratio mit der Frage nach der Wahrheit, aufgespalten in vier Einzelfragen (Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Warum gibt es das Böse? Was wird nach diesem Leben sein?). ‘Die analytische Philosophie verzweifelt nicht etwa an diesen grossen Fragen, doch meist enthält sie sich eines fachlichen Urteil darüber. Die Gründe liegen wohl einerseits in einer tief sitzenden Skepsis […] Andererseits liegen sie in der entnüchternden Erfahrung, dass sich selbst sehr viel kleinere Fragen seit Jahrhunderten der Zuführung in verbindliche Resultate widersetzen […]’ Die moderne Philosophie verzichtet bewusst auf den Versuch einer Beantwortung der grossen eigentlich menschlichen Fragen, ‘weil es nicht erkennen kann, wie hierüber rational begründbare, intersubjektiv verbindliche Antworten möglich sind’.[23]

Benedikt XVI. geht davon aus, dass Gott mit Logos (Wort und Vernunft zugleich) handle. Das bei Johannes erkennbare Zusammentreffen von biblischem und griechischem Denken ist ein von innen her nötigen Aufeinanderzugehen zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen. Nun stellt der Regensburger Theologe Erwin Dirscherl die Frage: ‘Hat der Mensch Anteil an der göttlichen Vernunft?’ Der Papst betont, dass der kirchliche Glaube immer daran festgehalten hat, dass es zwischen Gott und uns eine wirkliche Analogie gibt.  ‘Die Analogielehre ist der Kern, um den es geht.’ Bei aller Ähnlichkeit ist die Unähnlichkeit grösser, ‘weil Gott auch in der Inkarnation seines Sohnes bei aller Immanenz der ganz Andere, der Unbegreifliche bleibt’. Die menschliche Vernunft kann nur mit der Hilfe Gottes auf seine Offenbarung antworten und reflektieren. ‘Nur die Beziehung zum göttlichen Logos setzt die menschliche Vernunft in die Fähigkeit ein, von Gott zutreffende Aussagen machen zu können.’ Vernunft geschieht im Wort dialogisch. Nur deshalb kann der Mensch ana-log Gott seinerseits entgegenkommen und entsprechen.

Der Glaube muss vor der Vernunft bestehen können: Fides quaerens intellectum. ‘Der sprechende Gott kann nicht irrational sein, weil er selbst die Vernunft geschaffen hat und deren Ursprung ist.’ Vernunftmässig handeln bedeutet dialogisches zu handeln. Die wechselseitige Beziehung zwischen Glaube und Vernunft, die zu gegenseitiger Heilung und Reinigung berufen sind, fordert Papst Benedikt auch für den interkulturellen Dialog ein. Der einfache Kern  dieser wechselseitigen Bezogenheit besteht im Aufruf zu einer Offenheit für den Dialog.[24]

[1]  Die Tagespost 15 IX 2016.

[2]  Benedikt XVI., ‘Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen’ in: Benedikt XVI. Glaube und Vernunft. Die Regensburger Vorlesung. Vollständige Ausgabe. Kommentiert von Gesine Schwan  Adel Theodor Khoury  Karl Kardinal Lehmann (Freiburg im Breisgau 2006) (12-32)12-13.

[3]  Lee Harris, ‘Socrates of Mohammed’ [Sokrates oder Mohammed], Opinio (2-8 II 2007) — aus dem amerikanischen ins niederländische übersetzt.

[4]  Kursiv gedrückte Wörter von A.B — diese sind nicht im ursprünglich ausgeprochenen Text aufgenommen.

[5]  Benedikt XVI. (Anmerkung 2) 15-17.

[6]  Open Letter to his holiness Pope Benedict XVI (2006 — ohne genaueres Datum), damals von A.B. vom Internet genommen, ist weiter jetzt nicht genau herauszubekommen.

[7]  Cf. auch Christian Jambet, ‘Le pape Benoît XVI et l’unité spirituelle de l’Europe’ in: Jean Bollack  Christian Jambet  Abdelwahab Meddeb, La conférence de Ratisbonne. Enjeux et controverses (Paris 2007) (33-59) 50: ‘Ibn Hazm soutient que la science divine n’est qu’un nom, et non pas une chose, qu’elle n’est ni l’essence de Dieu ni un attribut de Dieu. […] La docrine de la volonté est plus subtile que la rapide citation de Khoury ne le laisse entendre.’

[8] ‘Natürlich hat der Islam in der Theologie des Koran auch eigene Rationalität […] Es gibt gerade in der Bestimmung des Verhältnisses von Vernunft und Offenbarung verschiedene Rationalitätstypen.’ So Karl Kardinal Lehmann, ‘Chancen und Grenzen des Dialogs zwischen den “abrahamitischen Religionen”‘ in: (Anmerkung 2) (98-133) 128.

[9]  Adel Theodor Khoury, ‘Ist Gott ein absoluter, ungebundener Wille? Bemerkungen zum islamischen Voluntarismus’ in: (Amerkung 2) (78-96) 78-82, 85, 87-88.

[10]  Wie nahe ist dieser Glaube dem protestantischen, calvinistischen Prädestinationslehre und dann später auf anderer Weise dem Marxismus: Alles ist schon vorher bestimmt durch die Wille Gottes, beziehungsweise durch das Determinismus.

[11] Benedikt XVI. (Anmerkung 2) 17-18; cf. 19-20. Cf. für die nähere Argumentation des Papstes (hier nicht wiederholt): bodarcooperatoresveritatis ‘Die Fülle der göttlichen Wahrheit’ III.

[12] Benedikt XVI. (Anmerkung 2) 20-21.

[13] Benedikt XVI., Freiheit in Wahrheit: Die Lehre des seligen Duns Scotus (Katechese 7 VII 2010).

http://www.zenit.org/article-20995?|=german

Cf. auch über Freiheit: Benedikt XVI., Was ist Freiheit? Wie können wir frei sein? (Ansprache bei seinem Besuch im römischen Priesterseminar 20 II 2010).

http://www.zenit.org/article-17333?|=german

[14] Benedikt XVI. (Anmerkung 2) 22.

[15] Joseph Kardinal Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen (Freiburg im Breisgau 2005) 68, 87. Cf. für Ratzinger über Europa auch seine Bücher: Wendezeit für Europa?. Diagnosen und Prognosen zur Lage für Kirche und Welt (Freiburg 1991). Cf. auch Marcello Pera  Joseph Ratzinger, Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur (Augsburg 2005) [Senza Radici (2004)]; Marcello Pera, Warum wir uns Christen nennen müssen. Plädoyer eines Liberalen. Mit einem Vorwort von Papst Benedikt XVI. (Augsburg 2009) [Perché dobbiamo dirci cristiani (2008)]; Clemens Sedmak  Stephan O. Horn (Hg.), Die Seele Europas. Papst Benedikt XVI. und die europäische Identität (Regensburg 2011).

[16] Benedikt XVI. (Anmerkung 2) 23-24, 28-29.

[17] Wolfgang Huber, ‘Glaube und Vernunft’ in: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Seite 10 / Dienstag, 31. oktober 2006, Nr. 253.

[18] Kommt hier nicht die Position von Duns Scotus und damit die von Ibn Hazm lebendig in Gedanken zurück?

[19] Welche Auskunft dann? Wie viele Protestanten, so viele Meinungen. Sind die Auskünfte dann nicht ganz unterschieden?

[20] Benedikt XVI. (Anmerkung 2) 29-31.

[21]  Herbert E. Brekle, ‘”Weite der Vernunft” in der universitas scientiarum’ in: Christoph Dohmen (Hg.), Die Regensburger Vorlesung Papst Benedikts XVI. im Dialog der Wissenschaften (Regensburg 2007) (160-164) 160-163.

[22] Gesine Schwann, ‘”Mut zur Weite der Vernunft” — Braucht Wissenschaft Religion?’ in: (Anmerkung 2) (34-75) 40, 46, 59, 73.

[23] Rolf Busse | Hans Rott, ‘Bedarf die moderne Philosophie einer Ausweitung des wissenschaftlichen Vernunftbegriffes?’ in: (Anmerkung 21) (86-99) 97-99.

[24] Erwin Dirscherl, ‘Die Überlegungen Benedikts XVI. zum Verhältnis von Glaube und Vernunft. Analogie und Korrelationalität als Ermöglichung von Beziehung’ in: (Anmerkung 21) (27-37) 28-32, 34-37.

Cf. auch Benedikt XVI., Gott und die Vernunft. Aufruf zum Dialog der Kulturen (Augsburg 2007).