Antoine Bodar

Leven is louter dienen.

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Die fülle der göttlichen Wahrheit

1 december 2016 |  Antoine Bodar |  Ratzinger-studies

 

 

‘Die universale Sendung der Kirche entspringt dem Auftrag Jesu Christi und verwirklicht sich durch die Jahrhunderte, indem das Mysterium Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, sowie das Mysterium der Menschwerdung des Sohnes als Heilsereignis für die ganze Menschheit verkündet wird.’ So die Erklärung  der Kongregation fü die Glaubenslehre DOMINUS IESUS. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche aus dem Jahre 2000.[1]

‘Diese einzige wahre Religion, so glauben wir [die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils (DH 1)], ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten.’[2]

Joseph Ratzinger hat Dominus Iesus als Präfekt der Glaubenskongregation nicht selbst geschrieben. Das ist in jener Zeit mit keinem Dokument geschiehen, ‘damit nicht die Meinung aufkommt, ich würde hier meine private Theologie verbreiten und durchsetzen wollen’.[3]

Als dennoch nach der Veröffentlichung der Erklärung ‘ein Aufschrei der Empörung durch die moderne westliche Gesellschaft, aber auch durch grosse nicht-christliche Kulturen wie diejenige Indiens gegangen ist’, hat der Kardinal aus früher von ihm publizierten Aufsätzen kurz nachher die Sammlung Glaube Wahrheit Toleranz veröffentlicht die alle zusammen Dominus Iesus besser verstehen lassen. ‘Wenn es aber wahr ist’, was das Dokument erklärt, legt Ratzinger sich in dem Vorwort die Frage vor. Und: ‘Kann Wahrheit erkannt werden?’ Und dann weiterhin: ‘So zeigt es sich, dass die eigentliche Problematik hinter all den Einzelfragen in der Frage nach der Wahrheit besteht.’ Dabei ist die Frage unerlässlich, ‘ob der Mensch für die Wahrheit geschaffen sei und in welcher Weise er die Wahrheitsfrage stellen kann und auch muss’.[4]

I

Beim heutigen Menschen ist der vorwiegende Eindruck, dass alle Religionen im letzten dasselbe sind und meinen. In wechselnden Gestalten sind sie im Prinzip doch gleich. Jeder bleibt in der seinen und ist sich zugleich bewusst, dass  die seine in ihrem Kern mit allen anderen identisch ist. So erscheint die Religion als ein Kosmos der Symbole, ‘die alle dasselbe meinen und nur anfangen müssten, ihre tiefe untergründige Einheit zu entdecken’.[5]  Darum fühlt der heutige Mensch sich abgestossen von der Absolutheitsbehauptung des Christentums und angezogen von dem Symbolismus und Spiritualismus, wo nur die Letztgültigkeit einer Religion allenthalben ein und dieselbe sei. Die Relativität aller religiösen Aussagen beansprucht ebensosehr Absolutheit: die absolute Relativität der Religionen. Ratzinger unterscheidet so zwei Wege: Monotheismus (i.c. Christentum) einerseits und Mystik andererseits — Mystik verstanden als eine Einstellung, die ‘die geheimnisvollen, bildlosen Erfahrungen des Mystikers als die einzig verbindliche, letzte Wirklichkeit im Bereich des Religiösen ansieht’. Der Monotheismus behauptet die Absolutheit des von ihm gehörten göttlichen Anrufs. Die Mystik dahingegen geht von der Absolutheit der ‘spiritual experience’ aus.[6] Beide haben von Anfang an  total verschieden gebaute Strukturen. ‘In der Mystik gilt die Primat der Innerlichkeit, die Absolutsetzung der geistlichen Erfahrung. Das schliesst ein, dass Gott das reine Passiv in bezug auf den Menschen ist’; im Monotheismus ‘ist der Mensch das Passiv, an dem Gott handelt’ — der Mensch kann von sich aus nichts, er eröffnet sich nur das Heil im Gehorsam gegen den Ruf Gottes.  Insofern könnte man statt der Gegenüberstellung Mystik — Monotheismus die Gegenüberstellung Mystik — Offenbarung wählen. ‘Die Erfahrung der Aktivität und Personhaftigkeit Gottes beruht auf einem gänzlich anderen Gesamtverhältnis zur Wirklichkeit als die Identitätsidee des Mystikers und die damit verbundene Rückführung der Person aufs Impersonale.’[7]

In der Religionsgeschichte gibt es nicht wirkliche Parallelen zum christlichen Glauben an die Gottheit des Menschen Jesus von Nazareth. Die Gestalt, die sich ihm am ehesten annähert, die hinduistische Gottheit Krishna, ist völlig anders konzipiert. Der christliche Glaube ist in den jüdischen Glauben an den einen Schöpfergott der Welt eingebettet, der mit den Menschen Geschichte macht. ‘Es gibt nur die Wahl zwischen einem Gott, der sich selbst unverwechselbar als der eine Gott aller zeigt und sich an den Menschen bis in seine Leiblichkeit bindet, und einem anderen Religionsverständnis, in dem die Gottheit in verschiedenen Bildern und Gestalten erscheint, deren keine endgültig ist: Durch sie hindurch bezieht sich der Mensch auf das immer Unnennbare. Es ist ein jeweilig anderes Verständnis von Wahrheit, Gott, Welt, Mensch. Dabei kann der Christ in den religiösen Bildern der Weltreligionen durchaus tastende Versuche erkennen, die auf das Christentum zugehen.’[8]

Der Charakter der monotheistischen Gläubigkeit ist geschichtlich. Das Erlebnis, an dem in der Mystik alles hängt, ist ungeschichtlich. Das Christentum ist wesenhaft Glaube an ein Ereignis. ‘Für christliches Glauben ist die Geschichte der Religionen nicht der Kreislauf des ewig Gleichen, der nie das Eigentliche berührt, das stets ausserhalb der Geschichte bleibt, sondern der Christ hält die Religionsgeschichte für eine wirkliche Geschichte, dessen Richtung Fortschritt und dessen Haltung Hoffnung heisst.’[9]

Die zwei von Ratzinger in der Religionsdebatte bemerkten Wege Mystik und Monotheismus nennt er eigentlich lieber Mystik der Identität und personales Verständnis Gottes. Letztlich geht es darum, ob das Göttliche, ‘Gott’, ein Gegenüber zu uns ist, so dass das Letzte der Religion Beziehung — Liebe ist, die Einheit wird, aber das Gegenüber  von Ich und Du nicht aufhebt — oder ob das Göttliche auch jenseits der Person liegt und das Ziel des Menschen das Einswerden und Aufgehen im All-Einen ist.[10]

II

In der Theologie der Religionen werden heute drei Grundpositionen unterschieden: Exklusivismus (mit Karl Barth als Hauptvertreter), Inklusivismus (mit Karl Rahner als Hauptvertreter) und Pluralismus (mit J. Hick und P.Knitter als wichtige Anwälte).[11] Der Exklusivismus in dem Sinn, dass alle Nichtchristen das Heil abgesprochen würde, wird heute wohl von niemandem mehr vertreten. Der Inklusivismus wird heute als eine Art von christlichen Imperialismus — das heisst: als anmassend — abgelehnt. Dennoch ist in den Kulturen der Menschheit das eine Wesen Mensch wirksam. Darum sind sie alle fähig mit einander in Communion zu treten. Keine wahre Kultur ist letztlich impenetrabel für die andere, alle sind einander zugeordnet. Darum gehört Inklusivismus zum Wesen der Kultur- und Religionsgeschichte der Menschheit. Die Kulturen werden ‘in einer Symphonie zueinander geführt’. ‘Der Pluralismus in seiner radikalen Form leugnet letztlich die Einheit der Menschheit und leugnet die Dynamik der Geschichte, die ein Prozess der Vereinigungen ist.’[12]

Das Christentum ist mit dem Bewusstsein eines universalen Auftrags in die Welt getreten. Der Ausgangspunkt des christlichen Universalismus war die Gewissheit, ‘die rettende Erkenntnis und die erlösende Liebe empfangen zu haben, auf die alle Menschen Anspruch haben und auf die sie im Innersten ihres Wesens warten’. Das eine Wesen Mensch wird in der Tiefe seiner Existenz von der Wahrheit selber berührt. ‘Denn das Wahrheitsdunkel ist die eigentliche Not des Menschen. […] Wenn Wahrheit sich schenkt, bedeutet dies Herausführung aus den Entfremdungen und damit aus dem Trennenden; Aufleuchten des gemeinsamen Massstabs, der keine Kultur Gewalt antut, sondern jede  zu ihrer eigene Mitte führt, weil jede letzlich Erwartung der Wahrheit ist. […] Das ist die hohe Anspruch, mit dem der christliche Glaube in die Welt getreten ist. Aus ihm folgt die innere Verpflichtung, alle Völker in die Schule Jesu zu schicken, weil er die Wahrheit in Person und damit der Weg des Menschseins ist.’[13]

‘Der christliche Glaube hat seine Vorgeschichte in den ersten Jahrhunderten mehr in der Aufklärung, also in der Bewegung der Vernunft gegen eine zum Ritualismus tendierende Religion gesucht.’ Die Vätertexte beziehen sich im Original auf die Philosophie. Aber es hat in der Gestaltung von Gebet und Kult auf das Erbe der Religionen zurückgegriffen. ‘Seine innere Vorgeschichte — das Alte Testament — besteht demgemäss in einer immerwährenden Auseinandersetzung zwischen dem Aufgehen in den religiösen Formen der Völker und der prophetischen Aufklärung, die die Götter beiseite schiebt, um das Gesicht Gottes zu finden.’ Die ganz eigentümliche Stellung des Christentums besteht darin, dass der christliche Glaube Aufklärung und Religion nicht gegeneinander gesetzt, sondern als ein Gefüge zusammengebunden hat. ‘Dieser Wille zur Rationalität, der doch auch stets die Vernunft aufbricht zu einer Selbstüberschreitung, der sie sich gern verweigern möchte, gehört zum Wesen des Christentums.’[14]

Der universelle Anspruch des Christentums wird heute oft als Arroganz verstanden. Denn ist das Christentum nicht eine europäische Religion, ein Rudiment des Zeitalters des Imperialismus und des Kolonianismus?

Das Christentum ist entstanden an dem geographischen Punkt, an dem sich die drei Kontinente Asien, Afrika und Europa berühren. Insofern gehört Interkulturalität zur Ursprungsgestalt des Christlichen. ‘Der griechische Geist hat dem christlichen Glauben wesentliche Formen des Denkens und Redens geliefert, aber nicht ohne grosse Widerstände: Das christliche  Verstehen musste dem griechischen Geist in schweren Auseinandersetzungen abgerungen werden, die das griechische Erbe aufnahmen und zugleich tiefgreifend umgestalteten. Dies war ein Prozess von Sterben und neuer Geburt.’[15]

III

‘Die Begegnung zwischen griechischem Denken und biblischem Glauben hat sich nicht erst in der frühen Kirche, sondern innerhalb des biblischen Weges selbst vollzogen. Mose und Platon, Götterglaube und aufgeklärte Götterkritik, theologisches Ethos und ethische Weisung aus der “Natur” sind sich schon innerhalb der Bibel selbst begegnet.’[16]

Das Christentum hat eine innerliche Rationalität. Darum hat es im Verfall der Religionen der alten Welt die Überzeugungskraft gefunden sich durchzusetzen und den neuen Kräften in der Welt seine Antworten weiterzugeben. Und dies, obwohl der christliche Glaube kein System ist, sondern ein Weg, ein geschichtlicher Weg.

Der Weg beginnt mit Abraham. Er wusste sich von Gott angeredet und gestaltete sein Leben aus diesem Gespräch. Wer ist dieser Gott? Er ist der Gott einer Person, eben Abrahams.  Er kann die Person begleiten und führen, wo immer er will und wo immer diese Person hingeht. Der Person-Gott wirkt translokal und transtemporal. Seine Dimension scheint die Zukunft zu sein in der Kategorie der Verheissung. Seine Heiligkeit hat etwas mit der Würde des Menschen zu tun.

In der folgenden Entwicklung zum Zwölf-Stämme-Bund ist der Gott der Väter, der Gott des Sinai, nun der Gott eines Volkes, eines Landes, einer bestimmten Lebensordnung geworden.

Dass etwas Besonderes bleibt, zeigt sich im Augenblick des Exils. Die Grösse dieses Gottes tritt hervor, der Glaube Israels gewinnt nun erst seine grosse Gestalt. Er kann sein Volk besiegen lassen, um es gerade aus so aus seinen falschen religiösen Träumen auzuwecken. Aber er lässt es in der Niederlage dennoch nicht fallen.

Die fünfhundert Jahre nach dem Exil bis zum Auftreten Christi sind gekennzeichnet durch das Aufstehen der sogenannten Weisheitsliteratur und die ihr zugrunde liegende geistige Bewegung. Neben Gesetz und Propheten erscheint als dritter Pfeiler die Weisheit. ‘Die Rationalität, die sich in der Struktur der Welt zeigt, wird als ein Reflex der schöpferischen Weisheit begriffen, aus der sie stammt.’ Diese Sicht gestattet dann zugleich die Verknüpfung von Kosmologie und Anthropologie, weil die schöpferische Weisheit zugleich eine moralische Weisheit ist. Aus all dem ergibt sich von selbst eine Nähe zum griechischen Geist.[17]

Diese Annäherung entspricht dann logischerweise ein zweiter wichtiger Schritt: der Übergang des Judentums in die griechische Welt. Der wichtigste Vorgang in diesem Prozess war die Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische, deren Grundstück bereits im dritten Jahrhundert vor Christus gefertigt wurde. In dieser Übersetzung (Septuaginta) tritt das Alte Testament aus Israel heraus und kommt zu den Völkern der Erde und wird alsbald zu einer Faszination für den aufgeklärten Geist der Antike, deren Religionen seit der sokratischen Kritik immer mehr ihre Glaubwürdigkeit eingebüsst hatten. Mit diesem Denken war zugleich die Sehnsucht nach der angemessenen und doch das eigene Vermögen der Vernunft überschreitenden Religion aufgebrochen. ‘Da ist nun eine Verbindung zwischen Gott und Welt, zwischen Rationalität und Offenbarung, die genau den Postulaten der Vernunft und der tieferen religiösen Sehnsucht antwortete.’ Über die antike Welt hin hat sich ein Netz von sogenannten Gottesfürchtigen gebildet, die in der Anlehnung an den Glauben Israels sich mit dem einen Gott in Berührung wussten. Dieses Netz war die Voraussetzung der christlichen Mission. Das Christentum wurde die ins Universale geweitete Gestalt des Judentums. ‘Vernunft und Geheimnis trafen sich; gerade das Zusammenziehen des Ganzen in einem hatte die Türen für alle geöffnet. […] Die Gegenwart läuft auf den Auferstandenen zu, auf eine Welt, in der Gott alles in allem sein wird.’[18]

Augustinus hat sich mit der Religionsphilosophie des im ersten Jahrhundert vor Christus lebenden Römers Marcus Terrentius Varro auseinandergesetzt. Varro unterscheidet drei Arten von ‘Theologie’: theologia mythica (Poesie), theologia civilis (Politik) und theologia naturalis (Philosophie). Augustinus weist dem Christentum seinen Platz im Bereich der Philosophie zu. ‘Das Christentum hat nach dieser Sicht seine Vorläufer und seine innere Vorbereitung in der philosophischen Aufklärung, nicht in Religionen.’  Darum tritt das Christentum mit dem Anspruch auf die religio vera zu sein. Der christliche Glaube beruht nicht auf Poesie, nicht auf Politik, sondern auf Erkenntnis. ‘Er verehrt jenes Sein, das allem Existierenden zugrunde liegt, den “wirklichen Gott”. Im Christentum ist Auklärung Religion geworden und nicht mehr ihr Gegenspieler. Weil es so ist, weil das Christentum sich als Sieg der Entmythologisierung, als Sieg der Erkenntnis und mit ihr der Wahrheit verstand, deswegen musste es sich als universal ansehen und zu allen Völkern gebracht werden: nicht als eine spezifische Religion […], sondern als die Wahrheit.’[19]

IV

In der frühen Kirche wird der Philosoph verstanden als Urbild des homo christianus. Die Gestalt des Philosophen wird zum Bild Christi. Christus ist der volkommene Philosoph. Die wesentliche Aufgabe des Philosophen ist das Fragen nach Gott. Christsein heisst Logos-gemäss leben. Darum sind die Christen die wahren Philosophen und darum ist das Christentum die wahre Philosophie. In dem Verhältnis von Glaube und Philosophie ist die erste Aufgabe Antwort zu geben auf die grossen Fragen des Lebens.

Die Identifikation von Christentum und Philosophie war einem bestimmten Begriff von Philosophie verdankt, der allmählich von den christlichen Denkern kritisiert und endgültig im 13. Jahrhundert aufgegeben wurde. Für Thomas von Aquin ist Philosophie die Suche der reinen Vernunft nach Antwort auf die letzten Fragen der Wirklichkeit. Sie bezieht ihre Gewissheit allein aus dem Argument. Theologie ist demgegenüber der verstehende Nachvollzug der Offenbarung Gottes; sie is Glaube, der Einsicht sucht. Die Hereinnahme der Philosophie in die Theologie war für Martin Luther zugleich die Zerstörung der Botschaft von der Gnade, also die Zerstörung des Evangeliums selbst in seinem Kern. Die Ablehnung, die sich seit Luther durchhält, betrifft  faktisch die Metaphysik in ihrer von Platon und Aristoteles grundgelegten Form. Aber in Wirklichkeit hat Philosophie seit Plato immer vom kritischen Gespräch mit der grossen religiösen Tradition gelebt.

Seit dem 19. Jahrhundert beherrscht der Hellenisierungsvorwurf die theologische Szene. Hellenisierung wird gesehen als den Abfall vom reinen Heilsglauben der Bibel. Das treibende Motiv dabei ist die grundsätzliche Ablehnung metaphysischen Denkens.

Man darf die Frage der Metaphysik nicht aus der philosophischen Frage ausklammern und zu einem hellenistischen Relikt degadrieren. ‘Wo die Frage nach dem Ursprung und dem Ziel des Ganzen nicht mehr gestellt wird, wird das Eigentliche philosophischen Fragens selbst unterlassen.’

In welchem Sinn braucht der Glaube Philosophie?  In welcher Weise ist Philosophie von innen her auf einen Dialog mit der Botschaft des Glaubens angelegt?  Ratzinger sieht drei Ebenen einer Antwort:

  1. a) ‘Glaube wie Philosophie sind der Urfrage des Menschen zugewandt, die der Tod an ihn richtet.’ Wenn der Glaube von der Auferstehung der Toten spricht, so geht es darum, das Sein des Menschen im Gesamt der Wirklichkeit zu verstehen. Dabei ist dann auch die Frage nach der Gerechtighkeit im Spiel, die von der Frage des Hoffens unabtrennbar ist. b) ‘Glaube stellt eine philosophische, näherhin eine ontologische Behauptung auf, wenn er die Existenz Gottes bekennt […] — eines  Schöpfer- und Rettergottes für die ganze Welt’. Sie will nicht ‘ein Symbol des Unnenbaren’ sein, sondern ‘eine Behauptung über die Wirklichkeit selbst und an sich’. c) Hinsichtlich des Ringens um diese Frage in der mittelalterlichen Theologie findet Ratzinger bei Bonaventura zwei Hauptantworten: 1) ‘Seid stets bereit, jedem Antwort zu geben, der um den Grund unserer Hoffnung fragt’ (1 Petr 3,13): ‘Wer nach dem Logos des Hoffens fragt, dem sollen die Gläubigen die Apo-logia darüber geben. […] Das Wort wird durch die Christen Antwort auf menschliches Fragen.’ Tieferhin ist diese apologetische Auslegung von Theologie sofort eine missionarische. Missionarisch darf dann der Glaube nur sein, ‘wenn er wirklich alle Traditionen überschreitet und ein Anruf an die Vernunft, ein Zugehen auf die Wahrheit selbst ist’.  2) ‘Die Liebe sucht Verstehen. Sie will den immer besser kennen, den sie liebt. […] Lieben ist Kennenlernen, und so kann Suche nach Einsicht gerade innere Forderung der Liebe sein. Anders ausgedrückt: Es gibt eine Zusammenhang zwischen Liebe und Wahrheit, der für Theologie und Philosophie bedeutsam ist.’[20]

V

In der Synthese zwischen Glaube und Vernunft liegt für Joseph Ratzinger der tiefste Grund, dass das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens kein geschichtlicher Zufall, sondern von der Vorsehung Gottes geleitet gewesen ist. Er ist überzeugt von dieser providentiellen Begegnung zwischen biblischem Glauben und griechischer Vernunft und der wesentlichen Zugehörigkeit des griechischen Erbes zum christlichen Glauben. Darum hat er sich  entschieden gegen die in der Theologie immer wieder auftauchende Forderung  nach Enthellenisierung des Christentums gewandt. Auch angesichts der heutigen Enthellenisierungswelle des Christlichen, in der sich  angesichts der heutigen Begegnung mit der Vielheit der Kulturen und der notwendigen interkulturellen Verständigung vielen Theologen der Schluss aufdrängt, die Synthese gehöre der Vergangenheit an und dürfe nicht anderen Kulturen auferlegt werden, bleibt Ratzinger bei seiner Überzeugung:

‘In dieser Synthese zwischen Glauben und Vernunft dürfte der tiefste Grund für die innere Nähe des theologischen Werks von Joseph Ratzinger und der Geisteswelt der Orthodoxie liegen.’  So Kurt Kardinal Koch: Damit lernt übrigens das Christentum auch — was Papst Johannes Paulus II überhaupt als lebensnotwendig betrachtet hat — ‘mit zwei Lungenflügeln, der römisch-lateinischen und der griechisch-östlichen, zu atmen’.[21]

Die Kirchenväter sind die Lehrer der noch ungeteilten Kirche, ihre Theologie im ursprünglichen Sinn ‘ökumenische Theologie’, die allen zugehört; sie sind Väter für das Ganze. Schrift und Väter gehören zusammen wie Wort und Antwort. ‘Nur weil das Wort Ant-wort gefunden hat, ist es überhaupt als Wort stehengeblieben und wirksam geworden. […] Diese Antwort, d. h. die geschichtliche Gestaltung des Christlichen, wäre ohne Zweifel völlig anders ausgefallen, wenn der Glaube seine entscheidende Entfaltung nicht im griechisch-römischen Raum, sondern nach Osten zu, im semitischen Breich und in Indien gefunden hätte.’

Wort und Antwort (Schrift und Väter) — das Unwiederholbare der Erst-Antwort der Väter auf das Wort kann man wohl in vier Grundvorgängen zusammengefasst finden: a) Auf sie bzw. die von ihnen repräsentierte ungeteilte Kirche geht der Kanon der Schrift zurück. ‘Die Konstituirung des Kanons und die Konstituirung der frühen Kirche sind ein und derselbe Prozess, nur von verschiedenen Seiten her betrachtet.’ b) Die Kirche der Väter lässt sich als jene Zeit charakterisieren, in der die grundlegenden Glaubensbekenntnisse der ganzen Christenheit geschaffen wurden. c) Schriflesung und Glaubensbekenntnis sind in der alten Kirche primär gottesdienstliche Akte der ganzen Gemeinde gewesen. ‘Die Alte Kirche hat die Grundformen des christlichen Gottesdienstes geschaffen, die als die bleibende Basis und der unumgängliche Beziehungspunkt jeder liturgischen Erneuerung anzusehen sind.’ d) ‘Die Väter haben, indem sie den Glauben als eine “Philosophia” begriffen und ihn unter das Programm des Credo ut intelligam stellten, sich zur rationalen Verantwortung des Glaubens bekannt und damit Theologie geschaffen, wie wir sie bis heute verstehen, trotz Diese Wendung zur rationalen Verantwortung war freilich ‘Voraussetzung für das Überleben des Christentums in der antiken Welt und sie ist die Voraussetzung für das Überleben des Christlichen heute und morgen’.

Theologie ist immer wieder den Vätern tributpflichtig. ‘Die Väter sind die gemeinsame Vergangenheit aller Christen.’[22]

*     *      *

‘Zur Theologie gehört Glauben, und zur Theologie gehört Denken. Das Fehlen des einen wie des anderen würde sie auflösen.  Das bedeutet: Theologie setzt  einen neuen Anfang im Denken voraus, der nicht Produkt unserer eigenen Reflexion ist, sondern aus der Begegnung mit einem Wort  kommt, das uns immer vorangeht. Diesen neuen Anfang anzunehmen, nennen wir ‘Bekehrung’.[23]

‘Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.’ (Joh 14,6)  Ich bin eine Person, wie Gott der Vater und Gott der Heilige Geist, aber ich bin dazu Mensch geworden und darum auch menschliche Person, Mensch geworden für euch und damit sichtbar — ‘Wer mich sieht, sieht den Vater’ (Joh 14,9). Ich bin die Hoffnung und ich lehre euch die Übergabe an den drei-einen Gott.

Ihr könntet mich besser kennenlernen durch das Gebet, die Meditation und auch die Tat. Ihr wisset, dass Glaube nicht nur Denken ist, sondern auch tun: ‘in Tat und Wahrheit’ (1 Joh 3,18).

Ihr seid immer schon eingeladen mich auch in der Wissenschaft mehr kennenzulernen. Es geht um Glaube und Hoffnung, Glaube und Vernunft, Vernunft und Liebe. Die zusammen fördern die Mission, wozu ihr gerufen seid. Denn nur in mir hat Gott Vater Sich in Fülle und Endgültigkeit offenbart. Ich bin die Fülle der göttlichen Wahrheit.

Darum seid ihr verpflichtet ‘Mitarbeitern für die Wahrheit’ (3 Joh 8) zu werden, zu sein und zu bleiben — cooperatores Veritatis.

‘Die Wahrheit hat uns, sie hat uns berührt.’  So emeritus-Papst Benedikt: ‘Man kann mit der Wahrheit, weil sie Person ist, mitarbeiten.’[24]

[1]  Dominus Iesus Einleitung 1.

[2]  Dominus Iesus Schluss 23.

[3]  Benedikt XVI., Letzte Gespräche. Mit Peter Seewald (München 2016) 200.

[4]  Joseph Kardinal Ratzinger, Glaube Wahrheit Toleranz. Das Christentum und die Weltreligionen (Freiburg im Breisgau 2003) 11-12.

[5]  Ibidem 21; cf. 19-20.

[6]  Ibidem 28; cf. 25-27.

[7]  Ibidem 30-31.

[8]  Joseph Kardinal Ratzinger, Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald (München 1996) 275. Cf. Ratzinger (Anmerkung 4) 26-28. Cf. auch Nostra Aetate 2.

[9]  Ratzinger (Anmerkung 4) 37; cf. 33.

[10] Cf. ibidem 38.

[11] Cf. ibidem 41-45.

[12] Ibidem 67; cf. 66. Cf. für Pluralismus auch: Joseph Cardinal Ratzinger, ‘Pluralismus als Frage an Kirche und Theologie’ (1986) in: Wesen und Auftrag der Theologie. Versuche zu ihrer Ortsbestimmung im Disput der Gegenwart (Freiburg 1993) 63-85.

[13] Ratzinger (Anmerkung 4) 46, 55-56.

[14] Ibidem 67-68; cf. auch 148-169 (über die Enzyklika Fides et Ratio).

Wie viel steckt von Kardinal Ratzinger in der Enzyklika Fides et Ratio von 1998, fragt Peter Seewald — Benedikt XVI. (Anmerkung 3) 201 — worauf der Papst-emeritus antwortet: ‘Schon einiges. Sagen wir, Ideen.’ (Sic)

[15] Ratzinger (Anmerkung 4) 71; cf. 70.

[16] Ibidem 75-76.

[17] Ibidem 121; cf. 117-122.

[18] Ibidem 124, 126; cf. 123. Cf. auch für die Hellenisierung Die Regensburger Vorlesung: bodarcredoutintelligam ‘Gott Glaube Vernunft’ III.

[19] Ibidem 137; cf. 133-134, 136.

[20] Cf. Joseph Cardinal Ratzinger, ‘Glaube, Philosophie und Theologie’ (1985) in: Wesen und Auftrag der Theologie. Versuche zu ihrer Ortsbestimmung im Disput der Gegenwart. (Freiburg 1993) 18-24; cf. 12-17. Cf. zur Frage der Mission: Joseph Ratzinger, ‘Zum Glaubensbekenntnis’ (1966) in: Grundsatz-Reden aus fünf Jahrzehnten, Herausgegeben von Florian Schuller (Regensburg 2005) 35-41. Cf. weiter auch Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis. Mit einem neuen einleitenden Essay (München 2000) 126-132.

[21] Kurt Kardinal Koch, Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI (Freiburg im Breisgau 2016) 189-190; cf. 188.

[22] Joseph Ratzinger, ‘Die Bedeutung der Väter im Aufbau des Glaubens’ in: Theologische Prinzipienlehre. Bausteine zur Fundamentaltheologie (1982) (Donauwörth 2005) 153-159.

[23] Ratzinger (Anmerkung 20 (1993)) 49.

[24] Benedikt XVI. (Anmerkung 3) 272.